Briefkastenfirmen
Warum Panama uns näher liegt, als wir dachten

Die „Panama Papers“ enthalten nichts Neues, sagen Kritiker. Sie liegen falsch. Das zeigt allein schon die Reaktion der deutschen Banken, die Kunden den direkten Draht in die Steueroase geboten haben. Eine Replik.

FrankfurtWie viele Offshore-Firmen dürfen es denn heute sein: zwei, drei oder vier? Mitarbeiter deutscher Banken haben offenbar jahrelang bei der Anwaltskanzlei Mossack Fonseca für ihre Kunden Briefkastenfirmen geordert – fast so, als gehe es um eine Bestellung beim China-Lieferdienst. Die Firma Nummer Drei ist aus? Dann bitte die Fünf und die Dreizehn obendrauf – aber bitte ohne scharf.

So ähnlich lesen sich die Mailwechsel zwischen Mitarbeitern deutscher Banken und Mossack Fonseca, aus denen die „Süddeutsche Zeitung“ zitiert hat. Dass wir überhaupt wissen, welchen freundschaftlichen Ton deutsche Banker mit den Briefkastenkönigen pflegten, haben wir den „Panama Papers“ zu verdanken – und vieles mehr. Trotzdem ließ die Kritik nicht lange auf sich warten: „Das wussten wir doch schon vorher!“, kommentieren manche Journalisten. „Das ist alles nicht verboten!“, verteidigen sich die Banker. „Das ist alles nur Inszenierung!“, sagen Politiker. Sie alle liegen falsch.

Als die „Panama Papers“ veröffentlicht wurden, ließ die Kritik an den Recherchen nicht lange auf sich warten. Von „zweifelhaftem Erkenntniswert“ war die Rede. Vertraute von Vladimir Putin verschoben Milliarden über Offshore-Firmen? So what! Dass Diktatoren, Fußballstars und Staatschefs korrupt sein könnten, haben schließlich alle irgendwie geahnt. Wer so argumentiert, hat längst aufgegeben. Oder frei nach Helge Schneider: „Die Welt ist krank, und der Arzt hat frei“. Aufgabe von Journalisten ist es, trotzdem auf verdächtige Geschäfte hinzuweisen, in der Hoffnung, dass die Welt dadurch ein kleines bisschen weniger schlimm wird.

Natürlich wäre es schön, wenn die Dokumente der panamaischen Kanzlei auf einen Schlag das Rätsel um die CDU-Spendenaffäre, die Vergabe der Fußball-WM 2006 und den Verbleib des Bernsteinzimmers aufklären könnten. Aber der Datensatz enthält trotz seiner enormen Größe eben nur das Wissen eines einzigen Anbieters von Offshore-Firmen. Die Daten sind nur ein kleiner Ausschnitt aus der Realität, ein Fenster zum Hof.

Doch manchmal sind es eben solche Kleinigkeiten, die große Unterschiede machen. Zum Beispiel dann, wenn die Frau des isländischen Premierminister David Gunnlaugsson in den Verdacht gerät, Anleihen isländischer Banken zu halten, während ihr Gatte über die Rettung der Banken entscheidet. Wie mag sich Familie Gunnlaugsson wohl beim Abendbrot unterhalten haben? („Wie war dein Tag, Schatz!“ – „Das wird dich freuen. Du kriegst dein Geld zurück, aber du hast meine Entscheidung nicht beeinflusst!“)

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„Es sei denn, man verdient sein Geld als Anwalt“

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