Bundesbankvizepräsident Jürgen Stark: Spekulation über EZB-Spitze

Bundesbankvizepräsident Jürgen Stark
Spekulation über EZB-Spitze

Noch ist Bundesbankvize Jürgen Stark für die Nachfolge von Otmar Issing im Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB) nicht offiziell benannt, da spekulieren ECB-Watcher schon über die nächste Personalie: Deutschlands Möglichkeiten, den dritten EZB-Präsidenten zu stellen.

HB FRANKFURT. Nach Ansicht von Manfred J. M. Neumann, Wirtschaftsprofessor in Bonn, hat die Bundesregierung mit der Entscheidung für Stark (57) diese Chance vertan. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Hypo-Vereinsbank, ist optimistischer – allerdings um den Preis von Absprachen und Starks vorzeitigem Rücktritt.

Die großen Euro-Länder – Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien – haben durchgesetzt, dass sie einen ständigen Sitz im EZB-Direktorium haben, obwohl das dem Vertrag von Maastricht widerspricht. Jetzt gehen Experten davon aus, dass die Großen als nächstes reihum Anspruch auf das Amt des EZB-Präsidenten erheben. Frankreich hatte diesen Anspruch für sich bereits 1998 regelwidrig durchgekämpft. Mit Jean-Claude Trichet stellt es nach dem Niederländer Wim Duisenberg den zweiten EZB-Präsidenten.

Die Mitglieder des EZB-Direktoriums, einschließlich des Präsidenten, werden für acht Jahre ernannt. Trichet ist bis Ende Oktober 2011 im Amt. Starks Amtszeit würde Ende Mai 2014 enden. Zwischen diesen beiden Terminen liegen zwei Jahre und fünf Monate. Italien und Spanien sind mit Übergangszeiten von fünf bzw. 17 Monaten in vergleichbarer Lage wie Deutschland. „Diese drei großen Länder werden nie den EZB-Präsidenten stellen, es sei denn, man einigt sich, dass sie zeitweise zwei Vertreter im Direktorium haben. Sonst muss das amtierende Mitglied vorzeitig zurücktreten“, sagt Thomas Mayer, Chefvolkswirt Europa der Deutschen Bank.

Bisher hat es im Direktorium noch nie zwei Mitglieder gleicher Nationalität gegeben. Das dürfte gegenüber den übrigen Euro-Ländern auch schwer durchzusetzen sein. Also müsste Stark seinen Platz vorzeitig für einen deutschen Nachfolger im EZB-Chefsessel räumen.

Nach Ansicht von Roland Vaubel, Wirtschaftsprofessor an der Universität Mannheim, wäre Bundesbanpräsident Axel Weber (48) für die EZB-Spitze gut geeignet. Webers Vertrag mit der Bundesbank läuft Ende April 2012 aus. „Weber könnte es machen, wenn Stark dann Bundesbankpräsident würde“, erklärt Vaubel. 2011 ist Stark 63 Jahre alt. Die Bundesbank schließt Verträge mit Vorstandsmitgliedern für mindestens fünf Jahre. Stark käme aber auch für einen Posten in der EU-Kommission in Brüssel in Frage.

Dass sich die Personaldecke für die Issing-Nachfolge im Grunde nur auf Stark beschränkt hat, sorgt für Kritik an der Weitsicht der Politik. „Deutschland hatte keinen vorbereiteten Kandidaten für den Posten des Chefvolkswirts“, moniert Krämer. „Von einem mittelständischen Unternehmer hätte man erwartet, dass er die Nachfolge regelt.“ Mayer befürchtet, „dass die Politik gar kein Interesse an der Bildung eines Nachwuchsstocks hat, weil man die Posten als Pfründe ansieht“. Auch so lasse sich Deutschlands Einfluss auf Dauer reduzieren.

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