Contra Finanzbranche
Neue Banker braucht das Land

Die Finanzbranche hat das letzte Jahrzehnt zum Krisen-Jahrzehnt gemacht. Von ihrem produktiven Nutzen für alle haben sich die Banker verabschiedet. Ändern muss sich nicht so sehr das System, sondern die Akteure selbst.

DüsseldorfEs ist kein Zufall, dass ein Ausflug in die Spieltheorie hilft, um den Banker kennenzulernen. Spieler und Banker sind sich schließlich näher gekommen in den vergangenen Jahren. Die Spieltheorie wiederum beschäftigt sich mit "sozialen Dilemmas", gewissermaßen Verlockungen, die vorliegen, wenn ein Einzelner durch Regelbrechen für sich einen größeren Vorteil erreicht als durch Befolgung der Regeln. Allerdings nur, wenn er der Einzige ist, der diese Regeln bricht. Würden sie alle brechen, würde das System zusammenbrechen. Dieser Mensch ist in der Mathematik, der Soziologie und der Wirtschaftswissenschaft bekannt, vor allem aber in der Realität: Es ist der Homo oeconomicus, der rationale Nutzenmaximierer.

Worauf dieser keinen gesteigerten Wert legt, ist das Gemeinwohl. Der Homo oeconomicus hat so gesehen eine Gruppe von Verwandten, die in den vergangenen Jahren gewachsen ist: den Homo Finanz-oeconomicus. Er ist eine Verformung, eine Übertreibung des Homo oeconomicus. Dieser Verwandte arbeitet in einer Branche, in der einiges aus dem Gleichgewicht geraten ist. Einer Branche, die im vergangenen Jahr 87 Billionen Dollar in Aktien und Anleihen anlegte, zugleich aber mit 1,5 Trillionen Dollar Derivate- und Devisengeschäfte abschloss.

Jene Branche also, die aus Dienstleistern zwischen Soll und Haben Herren machte, und während der Finanzkrise von westlichen Industriestaaten, die in ihren Haushalten zusammen 12,5 Billionen Dollar zur Verfügung hatten, mit 1,7 Billionen Dollar gerettet werden musste.

Das System aber ist nichts Abstraktes. Das System ist die Summe der Einzelnen, die in ihm wirken. Es bedarf daher auch nicht so sehr einer Debatte über Gesetze und Trennbankensysteme - es gibt dort keine volle Wahrheit, und Regeln provozieren den Homo oeconomicus nur, Wege zum Regelbrechen zu finden. Es bedarf einer Diskussion über den Banker. Wenn man auf ein Bild schaut, auf dem das System sich in seine Einzelteile auflöst, dann sieht man nicht nur, wie das Finanzsystem außer Kontrolle geriet, sondern auch, wie Einzelne daran beteiligt sind.

Es braucht immer Versager, die das System zum versagen bringen: Politiker, die Regeln aufweichten, Wissenschaftler, die freie Märkte mit freien Finanzmärkten verwechselten, Bürger, die ihr Tagesgeld für sechs Prozent bei einer isländischen Online-Bank parken anstatt bei der Volksbank vor der Tür.

Die Gier, der Wunsch nach dem Mehr, die hat der Banker nicht für sich allein - aber keiner hat sie so sehr übersteigert wie er. Seine Entwicklung zu immer mehr Gier wurde ihm leicht gemacht. Da waren etwa Politiker, die seit Margret Thatchers "Big Bang" in den 80er-Jahren viele Regeln auf den Märkten lockerten.

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