Cum-Ex-Geschäfte und die Folgen

Wie Banken in die
Steuerkasse griffen

Hypo-Vereinsbank
Späte Einsicht in München

Ob er nicht einmal bei der „Really Big Boys“ mitspielen wolle, fragte die Hypo-Vereinsbank den Immobilienmogul Rafael Roth 2006. Roth spielte, und dann ging alles schief. Heute sitzt die Bank auf einem riesigen Schaden.

Der Tochter des italienischen Bankriesen Unicredit war seit 2005 an Cum-Ex-Geschäften beteiligt. Zunächst wickelte die Hypo-Vereinsbank die Geschäfte im Eigenhandel ab. In den Jahren 2006 bis 2008 konnte die Bank dann den Immobilienmilliardär Rafael Roth für die Geschäfte erwärmen. Um ihm den Einstieg besonders leicht zu machen, lieh die Hypo-Vereinsbank ihrem neuen Superkunden 500 Millionen Euro.

In den folgenden drei Jahren handelte die Bank im Auftrag von Roth Aktien im Wert von mehr als 15 Milliarden Euro. Alles schien in Ordnung. Die Bank verdiente, Roth verdiente, und wäre die Finanzkrise nicht dazwischen gekommen, hätten die Partner wohl noch viel mehr zusammen auf die Beine gestellt.

Doch 2009 begann eine Betriebsprüfung in Roths Firma, und 2011 „aktualisierte“ das Finanzamt Wiesbaden II plötzlich die alten Steuerbescheide. Die Behörde forderte 113 Millionen Euro zurück – zuzüglich zehn Millionen Euro Zinsen. Die Steuerbescheinigungen für ihren Premium-Kunden stornierte die Hypo-Vereinsbank. Aus den Partnern wurden erbitterte Gegner.

Mit dem Zivilstreit zwischen Roth und der Hypo-Vereinsbank wurde der Cum-Ex-Skandal publik. Als es am 28. November 2012 zu einer Großrazzia im Umfeld der Bank kam, gab es für die Hypo-Vereinsbank keine Alternative mehr zu einer umfassenden Kooperation mit den Ermittlern. Mehr als drei Jahre lang lief die Aufklärung mit Hilfe von sieben Kanzleien und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Kostenpunkt: Rund 100 Millionen Euro. Schließlich zahlte die Bank rund 140 Millionen Euro Steuern zurück und akzeptierte ein Bußgeld von zehn Millionen Euro.

Abgeschlossen ist der Fall damit trotzdem nicht: Die Ermittlungen gegen die Ex-Mitarbeiter laufen noch. Außerdem will die Bank die drei Ex-Vorstände Rolf Friedhofen, Ronald Seilheimer und Andreas Wölfer in Haftung nehmen. Friedhofen sagt, er habe sich nichts vorzuwerfen, Wölfer will die Sache nicht kommentieren. Seilheimer ist nicht zu erreichen.

Sönke Iwersen
Sönke Iwersen
Handelsblatt / Leiter Investigative Recherche
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%