Cum-Ex-Geschäfte und die Folgen

Wie Banken in die
Steuerkasse griffen

Rolf Friedhofen
Volle Fahrt ins Risiko

Die Hypo-Vereinsbank mischte bei den Cum-Ex-Deals mit, nicht nur für die besten Kunden sondern auch im Eigenhandel. Auf Finanzvorstand Rolf Friedhofen kommt deshalb auch persönlich eine gewaltige Schadenersatzklage zu.

Die Münchener Hypo-Vereinsbank legte den Grundstein für ihre Cum-Ex-Deals schon im Jahr 2004. Der Bank war es gelungen, der Investmentbank Merrill Lynch in London ein Top-Team von Händlern abzuwerben. 2005 handelte die Hypo-Vereinsbank dann Aktien rund um den Dividendenstichtag auf eigene Rechnung, ab 2006 bot sie auch vermögenden Kunden wie Rafael Roth solche Transaktionen an. Es war ein rauschendes Geschäft.

Die Händler bewegten viele Milliarden Euro – die Cum-Ex-Cowboys, wie sie in der Bank genannt wurden, erwirtschafteten sensationelle Renditen und Profite. Und doch stellten sich bei manchen vorsichtiger veranlagten Mitarbeitern schon in diesen ersten zwei Jahren des Cum-Ex-Handels die Nackenhaare auf. Erste Gespräche wurden geführt, einige E-Mails geschrieben.

Spätestens 2006 erfuhr auch der frisch gekürte Finanzvorstand Rolf Friedhofen, dass in London womöglich nicht alles mit rechten Dingen zuging. Im Juli des Jahres sagte er der inzwischen schon ziemlich unruhig gewordenen internen Revision zu, sich um die Sache zu kümmern. Er wolle „Druck aufbauen“, gab Friedhofen zu Protokoll. Doch wenn auch Monate vergingen, der Druck blieb aus.

In einem Nachfolgebericht wies die Revision im Mai 2007 abermals auf die Steuer- und Reputationsrisiken der Cum-Ex-Deals für die Bank hin. Steuerabteilungsleiter Frank Tibo schrieb an Friedhofen: „Wenn die Probleme mehr als zwei Jahre andauern, dann muss es irgendwann Konsequenzen geben. Das Mindeste, was wir brauchen, ist Transparenz.“

Derart klare Worte von einem Steuerexperten sind selten. Doch Tibo legte sich fest. Entweder sollten die Geschäfte eingestellt oder von höchster Stelle durchleuchtet werden. Der Brandbrief hatte nun tatsächlich Folgen – aber nicht solche, die der Bank heute gefallen können. Ihr Vorstand rügte nämlich nicht diejenigen, die jene zweifelhaften Cum-Ex-Geschäfte durchführten, sondern den, der vor ihnen warnte. Friedhofen ermahnte Tibo. Er verhalte sich „undiplomatisch bei der Abarbeitung von Sachthemen.“

Inzwischen sind beide Männer nicht mehr bei der Bank. Friedhofen ging 2010, Tibo 2012. Doch während Friedhofen bei seinem Abschied warme Worte erhielt und Vorstandschef Theodor Weimer sagte, von seiner „professionellen Arbeit und Umsicht hat unser Haus gerade in der Finanz- und Wirtschaftskrise sehr profitiert“, musste Tibo zum Arbeitsgericht, um seine Ansprüche durchzusetzen.

Heute ist die Lage umgekehrt. Tibo hat seinen Prozess gewonnen, bei Friedhofen fängt der Rechtsstreit gerade erst an. Für die Cum-Ex-Geschäfte, die in Friedhofens Amtszeit liefen, musste die Bank 140 Millionen Euro Steuern zurückzahlen, obendrauf ein Bußgeld von fast zehn Millionen Euro. Weitere 100 Millionen Euro kostete die Aufarbeitung. Nun kursiert in der Bank ein Gutachten, demnach die „Pflichtverletzungen“ Friedhofens zu einem „zurechenbaren Schaden“ in Höhe von circa 139,4 Millionen Euro geführt haben.“

Ende Juli hat sich die HVB schließlich entscheiden, Rolf Friedhofen und seine beiden früheren Vorstandskollegen Andreas Wölfer und Roland Seilheimer auf Schadensersatz zu verklagen. Insgesamt will die Bank von ihren Ex-Managern rund 180 Millionen Euro.

Sönke Iwersen
Sönke Iwersen
Handelsblatt / Leiter Investigative Recherche
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