Deutsche-Bank-Co-Chef Fitschen im Kirch-Prozess
„Nur die Staatsanwaltschaft will es nicht wahrhaben“

Vor dem Münchener Landgericht spricht der scheidende Co-Chef der Deutschen Bank Tacheles: Er beteuert, dass er sich an eine Vorstandssitzung anders erinnert als seine Mitangeklagten. Das könnte Folgen haben.
  • 2

MünchenKurz, knackig, präzise: Jürgen Fitschen bleibt seinem Ruf als Pragmatiker treu – auch auf der Anklagebank des Münchener Landgerichts. Die Fragen des Vorsitzenden Richters Peter Noll beantwortet Fitschen am Dienstag souverän, ohne ein Wort zu viel zu verlieren. „Ich kann nichts anderes aussagen als das, woran ich mich erinnert habe, und das gilt bis heute“, sagt Fitschen. Der scheidende Vorstandschef der Deutschen Bank legt die Karten auf den Tisch – eine riskante Strategie.

Schließlich lautet die Anklage auf versuchten Prozessbetrug, bei einer Verurteilung drohen bis zu fünf Jahre Haft. Fitschen sitzt mit den ehemaligen Deutschbankern Josef Ackermann, Rolf Breuer, Tessen von Heydebreck und Clemens Börsig auf der Anklagebank. Sie sollen vor vier Jahren im Zivilprozess um Schadensersatz für die Kirch-Gruppe versucht haben, die Richter zu täuschen. Die Angeklagten bestreiten das – auch Jürgen Fitschen. Doch in einem Punkt weicht seine Erinnerung von der seiner Mitangeklagten ab.

Im Kern geht es dabei um Ereignisse, die mittlerweile mehr als 13 Jahre zurückliegen: Witterte die Deutsche Bank damals in der finanziellen Schieflage von Leo Kirchs Medienimperium möglicherweise ein lukratives Geschäft?

Unbestritten ist: Bei einer Vorstandssitzung im Januar 2002 wurde die Causa Kirch diskutiert. Der Medienunternehmer stand auch bei der Deutschen Bank in der Kreide, er galt als schwieriger Kunde – und als Politikum. Bei einem Abendessen in einer Hannoveraner Kneipe soll der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder mit Breuer über die Kirch-Gruppe gesprochen haben, berichtet Fitschen. Offenbar fürchtete die Bundesregierung, dass sich der britische Medienmogul Rupert Murdoch das in Schieflage geratene Imperium Kirchs unter den Nagel reißen könnte.

All das soll in der Vorstandsvorsitzung der Deutschen Bank zumindest angedeutet worden sein. Die Frage, bei der die Staatsanwaltschaft ein Komplott der Angeklagten wittert: Hatte man sich damals darauf geeinigt, auf Kirch zuzugehen – womöglich, um sich grünes Licht für eine lukrative Restrukturierung der Kirch-Gruppe zu holen?

Denn einen Monat später, im Februar, gab Breuer ein verhängnisvolles Interview, indem er die Kreditwürdigkeit von Kirch anzweifelte. „Was alles man darüber lesen und hören kann, ist ja, dass der Finanzsektor nicht bereit ist, auf unveränderter Basis noch weitere Fremd- oder gar Eigenmittel zur Verfügung zu stellen“, sagte Breuer damals über Kirch. Dessen Mediengruppe ging in die Insolvenz. Kirch starb im Juli 2011. Seine Erben führten den jahrelangen Rechtsstreit unermüdlich fort, bis das Münchener Oberlandesgericht ihnen einen Vergleich über 925 Millionen Euro zusprach. Doch der Fall Kirch ist damit noch nicht ausgestanden, denn die Staatsanwaltschaft wirft Breuer, Ackermann und Co. vor, das Gericht getäuscht zu haben.

Die Angeklagten bestreiten die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft. Für ein Gespräch mit Kirch habe es keine konkreten Pläne gegeben, so ihre Darstellung. Man habe nur auf Kirch zugehen wollen, falls ein anderer Medienkonzern in Sachen Kirch ein Mandat wünsche. Und hier kommt Jürgen Fitschen ins Spiel. Der Deutschbanker macht keinen Hehl daraus, dass seine Erinnerung an die folgenschwere Vorstandssitzung anders ausfällt als die seiner Kollegen. „Ich bleibe bei meiner ersten Einschätzung“, sagt Fitschen, „auch wenn sie sich von der meiner Kollegen abhebt.“

Seite 1:

„Nur die Staatsanwaltschaft will es nicht wahrhaben“

Seite 2:

Breuer sollte auf Kirch zugehen

Kommentare zu " Deutsche-Bank-Co-Chef Fitschen im Kirch-Prozess: „Nur die Staatsanwaltschaft will es nicht wahrhaben“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Unterschiedliche Erinnerungen bei mehreren Beteiligten sind an sich nichts Ungewöhnliches. Bei der causa Kirch dürfte es sich jedoch seinerzeit schon aufgrund des Involvents der Politik um eine besondere Vorstandssitzung gehandelt haben. Wenn sich die Beteiligten an den genauen Wortlaut bzw. den exakten chronologischen Ablauf der Diskussion erinnern würden, wäre dies sicherlich bemerkenswert. Zu erwarten ist allerdings, daß die Beteiligten - ob es nun zu einem
    " formellen " Beschluß gekommen ist oder nicht - sich zumindest an das seinerzeit angedachte weitere Vorgehen erinnern. Hier stimmen die Aussagen der übrigen Vorstände mit der des Herrn Fitschen offensichtlich nicht überein.

  • "Bei einem Abendessen in einer Hannoveraner Kneipe soll der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder mit Breuer über die Kirch-Gruppe gesprochen haben, berichtet Fitschen."

    Die Wahrheit jetzt zu überprüfen, ist doch recht einfach.

    Gerhard Schröder, damals in der Funktion eines Bundeskanzlers, ist zu laden und zur Aussage zu zwingen. Aber bitte nicht die Staatsanwaltschaft in Hannover einschlalten. Die ist bekannt für ihre Arbeitsweise.

    Als Bundeskanzler hat er damals gewiss eine Notiz zu diesem Gespräch anfertigen lassen und diese Notiz liegt im Bundeskanzleramt.

    Nichts einfacher als herauszufinden, ob Fitschen die Wahrheit sagt oder nicht. Sagen Gerhard Schröder nicht aus oder liefert das Bundeskanzleramt die Aktennoitz nicht, dann wissen wir auch so, dass Fitschen die Wahrheit sagt.

    Wenn der damalige Bundeskanzler bei den strategischen Vorbereitungen gegen Kirch mit von der Partie war, dann wird es noch interessanter.

    Meine Einschätzung:
    Bald werden wir von der Staatsanwaltschaft erfahren, dass das Verfahren wegen fehlendem öffentlichen Interesse eingestellt wird.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%