Deutsche Bank Ein Bekenntnis zu London – oder doch nicht?

Viele Banker in London befürchten, dass sie im Zuge des Brexit umziehen müssen. Die Frage ist, wohin. Die Deutsche Bank hat nun einen neuen Mietvertrag unterzeichnet – in London.
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Die „Finanzflüchtlinge“ kommen – so verändert der Brexit Frankfurt am Main

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LondonEs ist eine Nachricht, die Brexit-Befürworter in Großbritannien bejubeln: Die Deutsche Bank hat in London einen Vorvertrag für ein neues Hauptquartier unterzeichnet. Nur wenige Schritte vom derzeitigen Hauptgebäude mitten im Finanzdistrikt von London sollen die Banker von Deutschlands größtem Geldhaus zukünftig arbeiten. In der noch nicht gebauten Immobilie werden aller Voraussicht nach 43.600 Quadratmeter angemietet - mindestens, erklärte die Bank in einer internen Mitteilung an ihre Mitarbeiter, die dem Handelsblatt vorliegt.

Das neue Gebäude wird mit insgesamt gut 52.000 Quadratmetern Fläche sogar größer sein als die bisherige Londoner Zentrale namens Winchester House und größer als der bekannte Londoner Wolkenkratzer 30 St Mary Axe, besser bekannt als „The Gherkin“ (die Gurke).

Im zweiten Halbjahr 2023 sollen die ersten Angestellten der Deutschen Bank umziehen, der Mietvertrag hat eine Laufzeit von 25 Jahren. „Die Deutsche Bank bekennt sich mit der neuen Zentrale zum Finanzplatz London und bekräftigt ihre Absicht, ein attraktiver Arbeitgeber in der britischen Hauptstadt zu bleiben“, heißt es in der Mitteilung. „Das Gebäude ist vorgesehen als dauerhafter Sitz der Unternehmens- und Investmentbank sowie der Infrastrukturfunktionen, die eng mit dem Geschäftsbereich zusammenarbeiten“.

Immobilienexperte Osmaan Malik von der UBS sieht die Vereinbarung zwischen der Deutschen Bank und ihrem Vermieter Landsec als „eindeutig positiv“ für Londons Finanzdistrikt.

Doch einen Haken hat die Nachricht für Brexit-Befürworter doch: Das neue Gebäude dürfte nach Einschätzung von UBS-Experte Malik etwa 5000 Angestellten Platz bieten. Die Deutsche Bank beschäftigt aber derzeit in Großbritanniens Hauptstadt 7000 Mitarbeiter, wie ein Pressesprecher auf Anfrage bestätigte. Die Sorgen vieler Mitarbeiter, dass sie im Zuge des Brexit aus London wegziehen müssen, sind also keineswegs unbegründet. Nach Informationen des Handelsblatt plant das Institut, einen Teil der Londoner Geschäfte nach Frankfurt zu verlagern.

Nicht nur einige Banker der Deutschen Bank müssen wohl ihre Siebensachen packen. Zwar haben längst nicht alle Banken ihre Pläne offiziell gemacht, doch in der Branche geht man davon aus, dass auch die Citigroup, Morgan Stanley und Goldman Sachs sowie mehrere japanische Banken einen Teil ihrer Geschäfte von London nach Frankfurt bringen. Andere Institute wie HSBC und Societe Generale liebäugeln mit Paris. Barclays will ihren Standort in Dublin ausbauen.

Verursacht der Brexit einen Exodus aus London?
Londoner Finanzdistrikt
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Die Zahlen schwanken. Wie viele Jobs aus der Finanzbranche tatsächlich in andere EU-Länder abwandern, ist umstritten. Die Brüsseler Denkfabrik Bruegel geht von 10.000 Arbeitsplätzen im direkten Bankenumfeld aus. Andere Schätzungen liegen viel höher.

Bis März 2019, wenn der Brexit abgeschlossen ist, bleibt den Instituten noch Zeit. Längst haben sie jedoch angefangen, manche Geschäftsfelder zu verlagern und sich nach geeigneten Immobilien umzusehen. Verfügt Großbritannien nicht mehr über den vereinfachten Zugang zum billionenschweren EU-Markt, verliert London an Attraktivität. Die Zahlen der Agentur Bloomberg zeigen, welche Geldhäuser prozentual die meisten Abgänge zu verzeichnen haben. Erstmals nennt Bloomberg auch eine Größenordnung für die Deutsche Bank.

Barclays (1,5 Prozent)
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Großbritannien und London sind die Heimat der Bank. Nur 150 von 10.000 Bankern sollen zusätzlich nach Dublin in die neue EU-Zentrale abwandern.

Morgan Stanley (16,7 Prozent)
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Vor dem Brexit-Votum hat die US-Bank bereits erwogen, 1.000 ihrer 6.000 Londoner Beschäftigten zu versetzen. Dublin oder Frankfurt sind auch für die US-Bank die naheliegendsten Alternativen.

Goldman Sachs (16,7 Prozent)
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6.000 Mitarbeiter hat die US-Bank in Großbritannien. Im Zuge des Brexits müssen wohl 1.000 von ihnen die Stadt wechseln. Bloomberg zufolge bleiben 90 Prozent der EU-Mitarbeiter, die für die Top 5 des US-Investmentbanking tätig sind, in London. Goldman Sachs ist eine davon. Der Derivatehandel ist vom London-Exodus dagegen stärker betroffen. Die EU versucht, die Kontrolle über dieses Geschäft an sich zu ziehen.

HSBC (20 Prozent)
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Einer von fünf: Für 1.000 HSBC-Banker von insgesamt 5000 liegt die Zukunft wohl eher nicht auf der Insel. Paris gilt als Favorit. Im März soll der EU-Austritt Großbritanniens vollzogen sein. Die Regulierungsbehörden – sowohl auf der Insel als auch auf dem Festland – empfehlen den Instituten, ihre Umzugspläne zu forcieren und nicht darauf zu warten, bis der Brexit Realität ist.

JP Morgan (25 Prozent)
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„Es sieht so aus, dass es mehr Bewegung geben wird, als wir gehofft hatten“, ließ JP-Morgan-Chef Jamie Dimon verlauten. Die Bank geht davon aus, dass 4.000 der 16.000 Mitarbeiter die Büros an der Canary Wharf gegen einen anderen Standort eintauschen könnten.

Quelle: Bloomberg

UBS (30 Prozent)
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Die Schweizer ziehen relativ viele Banker aus Großbritannien ab: 1.500 der 5.000 bekommen voraussichtlich einen neuen Arbeitsort. Welche Geschäftsbereiche im Einzelnen verlagert werden, bleibt abzuwarten. Über den Aktienhandel herrscht beispielsweise noch Unklarheit.

Am 31. März 2019 endet die Mitgliedschaft Großbritanniens in der EU - und bis dahin müssen die Banken wissen, wie sie mit der neuen Situation umgehen. Mehrere Studien deuten darauf hin, dass der Finanzstandort London herbe Einbußen verkraften muss.

In einer Hochrechnung hatten die Experten der Wirtschaftsberatung Oliver Wyman bereits letztes Jahr prognostiziert, dass im Fall eines harten Brexits - also eines Austritts Großbritanniens aus der Europäischen Union (EU), dem Binnenmarkt und der Zollunion - mittelfristig 31.000 bis 35.000 Arbeitsplätze vom britischen Finanzplatz abwandern könnten, davon bis zu 17 000 im Großkundengeschäft. An diesen Zahlen halten die Experten fest - aber nur mit Blick auf die nächsten Jahre. Langfristig, schreiben sie in einer am Dienstag veröffentlichten Studie, wird es wohl schlimmer für die Briten kommen. Allein im Firmenkundengeschäft könnten langfristig bis zu 40.000 Arbeitsstellen auf der Insel wegfallen, heißt es in der Studie.

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