Deutsche Bank

Ein Gremium demontiert sich selbst

Mit dem Rücktritt des umstrittenen Chefaufklärers der Deutschen Bank, Georg Thoma, ist niemandem gedient – am wenigsten der Deutschen Bank selbst. So kann die Image-Reparatur nicht gelingen. Ein Kommentar.
Update: 29.04.2016 - 14:43 Uhr Kommentieren
Die Deutsche Bank genießt längst nicht den besten Ruf. Nach Georg Thomas Rücktritt steckt die Bank nun erst recht in der Glaubwürdigkeitsfalle. Quelle: dpa
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Die Deutsche Bank genießt längst nicht den besten Ruf. Nach Georg Thomas Rücktritt steckt die Bank nun erst recht in der Glaubwürdigkeitsfalle.

(Foto: dpa)

FrankfurtMachtkämpfe werden in der Wirtschaftswelt selten so offen ausgetragen wie das tiefe Zerwürfnis im Aufsichtsrat der Deutschen Bank. Via Interview unterfüttert mit einem einstimmigen Beschluss im wichtigen Nominierungsausschuss hat der Aufsichtsrat des Kreditinstituts nun den Wirtschaftsanwalt Georg Thoma aus dem Kontrollgremium der Bank gedrängt. Ausgerechnet Thoma, der als Vorsitzender des Integritätsausschuss so etwas wie der Chefaufklärer im Aufsichtsrat der Deutschen Bank war.
Thoma habe es mit der Aufklärerei übertrieben, er habe die Bank gelähmt, habe einem Blick nach vorne im Weg gestanden, werfen ihm seine Kritiker vor. Doch mit seinem Rücktritt ist niemandem geholfen, am wenigsten der Bank selbst. Das größte Problem der Deutschen Bank in der Öffentlichkeit ist der durch zahllose Skandale vollkommen ruinierte Ruf des Instituts. Nichts ist wichtiger für die Bank, als diese Reputation wieder zu reparieren.

Yasmin Osman

Yasmin Osman ist Finanzkorrespondentin in Frankfurt.

Das kann nicht gelingen, wenn führende Vertreter des Aufsichtsrats Thoma öffentlich „Übereifer“ bei der Aufklärung vorwerfen oder zu fordern, man müsse dieses Kapitel mit der Vergangenheitsbewältigung endlich einmal abschließen und nach vorne sehen. Thoma ist ein durchaus umstrittener Kontrolleur. Seine Rolle als Aufsichtsratschef beim Anlagenbauer Ferrostaal galt als wenig konstruktiv. Doch zum einen wusste die Bank das schon vor seiner Berufung. Und ganz gleich, was intern zwischen Thoma, anderen Aufsichtsräten und dem Rest des Managements vorgefallen sein mag, seine Demission wirkt keinesfalls vertrauenerweckend. Schließlich hat die Deutsche Bank sehr, sehr lange gebraucht, um das Ausmaß ihrer Misere sich selbst einzugestehen.

Cryan ist der neue starke Mann
Die Vorstandschefs der Deutschen Bank
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Hermann Josef Abs (1957-1967, oben links): Der gelernte Banker handelt in den 50er Jahren das Londoner Abkommen über deutsche Auslandsschulden aus. Ministerangebote von Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) schlägt er aus. Als Aufsichtsratsvorsitzender von zeitweise bis zu 30 Aktiengesellschaften erlangt Abs später enormen wirtschaftlichen Einfluss in der Bundesrepublik.

Franz Heinrich Ulrich (1967-1976) und Karl Klasen (1967-1969): Die erste Doppelsitze besteht, bis Klasen 1970 Präsident der Bundesbank wird. Ulrich setzt sich gegen den „Ausverkauf“ der deutschen Wirtschaft ins Ausland ein. Die Deutsche Bank übernimmt etwa 29 Prozent des Grundkapitals der Daimler-Benz AG von der Familie Flick.

John Cryan (ab Juli 2015)
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Anfang Juli löst der Brite John Cryan zunächst Anshu Jain in der Doppelspitze mit Jürgen Fitschen ab. Seit Mai 2016 führt er die Deutsche Bank allein. John Cryan war von 2012bis 2014 Präsident Europa von Temasek, dem Staatsfonds Singapurs. Von 2008 bis 2011 war er Finanzvorstand der UBS. Er hatte die Bank als Finanzchef durch die Krise nach der Lehman-Pleite geführt. Als klar war, dass der damalige Chef Oswald Grübel den heutigen CEO Sergio Ermotti befördern würde, trat Cryan bei der Schweizer Großbank „aus persönlichen Gründen“ zurück. Seit 1987 hatte Cryan verschiedene Funktionen im Corporate Finance-Geschäft und in der Kundenberatung von UBS und SG Warburg inne. Er verfügt über einen Abschluss der Universität Cambridge.

Anshu Jain und Jürgen Fitschen (2012-2015/16)
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Jain verdiente jahrelang als oberste Investmentbanker Milliarden für die Deutsche Bank. Viele Probleme des Hauses haben ihre Wurzeln in der von ihm geführten Sparte. Fitschen kämpft derzeit noch an zwei Fronten: Intern läuft immer noch die Aufarbeitung der Altlasten. Mitten im Umbruch bei der Deutschen Bank bindet ihn auch noch der Fall Kirch. Im Strafprozess vor dem Landgericht München wehrt sich Fitschen gegen den Vorwurf des versuchten Prozessbetrugs im Schadenersatz-Verfahren um die Kirch-Pleite.

Josef Ackermann (2002-2012)
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Der Schweizer polarisiert wie kaum ein anderer Bankmanager. Im Mannesmann-Prozess zeigt er 2004 im Gerichtssaal das Victory-Zeichen, 2005 streicht er tausende Stellen und verkündet zugleich ein Renditeziel von 25 Prozent. Die Deutsche Bank wird unter Ackermann eine weltweit führende Investmentbank, er steuert sie ohne Staatshilfen durch die Finanzkrise.

Rolf-Ernst Breuer (1997-2002)
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Als „Mister Finanzplatz“ baut er Frankfurt zu einem internationalen Finanzstandort aus. Ein Rückschlag ist 2000 die gescheiterte Fusion mit der Dresdner Bank. Später äußert sich Breuer kritisch zur Kreditwürdigkeit Leo Kirchs. Der Medienkonzern bricht zusammen, der Unternehmer verklagt Breuer und die Deutsche Bank. Eine juristische Dauerfehde beginnt.

Hilmar Kopper (1989-1997)
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Kopper baut das Investmentbanking aus und richtet die Bank zunehmend international aus. Eine der größten Pannen ist der Crash des Immobilien-Imperiums von Jürgen Schneider. Aus Koppers Bemerkung, offene Rechnungen in Höhe von 50 Millionen Euro seien „Peanuts“, wird das Unwort des Jahres 1994.

Alfred Herrhausen (1985-1989)
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Der Politikwissenschaftler will die Deutsche Bank zu einem Institut mit Weltstatus umbauen. Er fädelt große Übernahmen anderer Geldhäuser ein. Das „Allfinanz“-Konzept (Finanzprodukte aus einer Hand) wird zum Vorbild für andere deutsche Banken. Herrhausen kommt 1989 durch ein Attentat der RAF ums Leben.

Nach Thomas Rücktritt steckt die Bank nun erst recht in der Glaubwürdigkeitsfalle: Wie will das Institut nachprüfbar belegen, dass Thoma tatsächlich nur übereifrig war und dass die Untersuchungen auch ohne ihn „gründlich“ und ohne Ansehen auf Personen abgeschlossen werden? Der Aufsichtsrat hat sich gerade wegen seiner Geschlossenheit gegenüber Thoma kollektiv befangen gemacht.
Wer auch immer auf Thoma folgen wird, der Neue wird die Vergangenheit der Bank erst recht noch einmal gründlich untersuchen müssen, um jeden Verdacht zu widerlegen, dass er eine Gefälligkeitsprüfung durchgeführt hat. Auch das wird Zeit brauchen. Auch das wird die Bank belasten. Mit oder ohne Thoma, das Kapitel Vergangenheitsbewältigung ist noch lange nicht abgeschlossen.

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