Deutsche Bank
Schallende Ohrfeige

Eine exklusive Handelsblatt-Auswertung zeigt: Kein Dax-Vorstand hat sich auch nur entfernt eine solche Niederlage eingehandelt wie die Chefs der Deutschen Bank bei der Hauptversammlung am Donnerstag.
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DüsseldorfDie Hauptversammlung eines Unternehmens ist das Parlament, in dem die Aktionäre über die Regierungsarbeit abstimmen. Die Regierung, das sind die CEOs, die Finanzchefs, die Strategieverantwortlichen, die Aufsichtsräte – kurz: all die, die die Geschicke eines Unternehmens lenken. Die Aktionäre haben auf der Hauptversammlung die Möglichkeit, die Arbeit des Vorstands zu bewerten. Finden sie sie in Ordnung, erteilen sie Absolution – oder „Entlastung“, wie es korrekt heißt. Die Quote, wie viele Aktionäre für die Entlastung stimmen und wie viele dagegen, ist der Gradmesser des Vertrauens. Der Vorstand der Deutschen Bank hat diesen Gradmesser jetzt auf ein historisches Tief gedrückt.

Nach Berechnungen des Handelsblatts hat kein Chef eines deutschen Dax-Unternehmens bislang eine dermaßen schlechte Entlastungsquote erzielt, wie das Deutsche-Bank-Führungs-Duo aus Anshu Jain und Jürgen Fitschen. 61,02 Prozent erreichte Fitschen, Jain, der künftig deutlich mehr Macht als Fitschen erhält, lag mit 60,99 Prozent noch darunter.

Der zweitschlechtesten Vertrauenswert eines Dax-Unternehmenschefs liegt weit über diesen trüben Zahlen: 97,59 Prozent erreichte in diesem Jahr Herbert Heiner, Vorstandsvorsitzender von Adidas bei der Hauptversammlung Anfang dieses Monats. Auch das darf als bescheiden gelten, denn alle anderen Dax-Unternehmenschefs erreichten Zustimmungswerte von mehr als 99 Prozent. Spitzenreiter war bisher VW-Chef Martin Winterkorn, dem die Aktionäre mit einer Zustimmung von 99,99 Prozent nach dem gewonnenen Machtkampf mit Ferdinand Piëch demonstrativ den Rücken stärkten.

Bis auf die Post und Bayer sind die Hauptversammlungen aller 30 Dax-Unternehmen bereits über die Bühne gegangen. Weder bei der Post noch beim Pharma- und Chemieriesen Bayer regt sich zahlenmäßig starker Widerstand gegen das Management, so dass auch dort die Quoten deutlich über 90 Prozent liegen werden.

Die Ohrfeige, die die Aktionäre dem Management der Deutschen Bank verpasst haben, wirkt vor diesem Hintergrund umso heftiger. Gleich zu Beginn der Rede des Aufsichtsratsvorsitzenden Paul Achleitner bei der Hauptversammlung am Donnerstag zeigte sich, wie groß das Misstrauen war. Als er einräumte, das öffentliche Bild der Bank sei „stark angeschlagen und beschädigt“, erntete er höhnischen Applaus von den 4000 Aktionären. Dabei hatte der Chefaufseher noch versucht, mit einer Rochade im Vorstand das Heft des Handelns wieder in die Hand zu bekommen. Wichtigstes Ergebnis war, dass Jain die umstrittene neue Strategie umsetzen soll. Ausgerechnet Jain jedoch erhielt am Ende die geringste Zustimmung. Achleitners Entscheidung steht damit auf wackligen Füßen. Der Vorstand müsse „weit über das Stühlerücken hinaus umgebaut werden“, lautet denn auch die drastische Forderung von Hans-Christoph Hirt vom einflussreichen Londoner Aktionärsberater Hermes EOS. Hirts Angriff richtet sich direkt gegen Jain und Fitschen.

Dabei sind Hauptversammlungen normalerweise Ereignisse, bei denen sich Firmen selbst bestätigen. Erfolge der Vergangenheit werden beschworen, Chancen der Zukunft in leuchtenden Farben ausgemalt. Dafür wird Applaus erwartet – und Zustimmungsraten, die eher an östlich-sozialistische als an westlich-demokratische Parlamente erinnern. Bei den Aktionärstreffen der Deutschen Bank verteidigte einst der Übervater des Geldhauses, Hermann Josef Abs, die Tugenden des ehrbaren Bankiers. Und Alfred Herrhausen, der wie kein Zweiter für die soziale Verantwortung der Banken einstand, verteilte Autogramme an Aktionäre wie ein Popstar. Seine Nachfolger Rolf Breuer und Josef Ackermann mussten dann schon Buhrufe über sich ergehen lassen. Eine solche Niederlage wie Jain und Fitschen fuhren auch sie aber niemals ein.

Am Tag danach ergibt sich auf den ersten Blick an der Börse ein trübes Bild: Im Dax verlor das Papier des größten Geldhauses des Landes 2,3 Prozent und zählte damit deutlich zu den schwächsten Werten auf dem Frankfurter Parkett. Allerdings wurden die Deutsche-Bank-Aktien ex Dividende gehandelt, das heißt, der Dividendenabschlag wurde einberechnet. Ohne diesen börsentechnischen Abschlag nach einer Hauptversammlung hätten die Titel sogar 0,1 Prozent fester notiert – ein Zeichen dafür, dass bei den Aktionären der Ärger erstmal verraucht ist.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

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  • In der causa Pieschetsrieder wurde Herr Piëch seinerzeit mit der Aussage zitiert, er könne sich nicht vorstellen, daß ein Vorstand gegen die Stimmen der Arbeitnehmervertreter zu halten sei. Natürlich bezog sich Herr Piëch dabei auf den Aufsichtsrat, der allein über die Wahl von Vorständen entscheidet. Das gestrige Abstimmungsergebnis betraf die Entlastung der Vorstände der Deutschen Bank in der Hauptversammlung. Gleichwohl ist es schon bemerkenswert, wenn rund 40 % der Aktionäre des Finanzinstituts nicht mehr hinter den beiden Co - Vorstandsvorsitzenden stehen, zumal die Entlastung nicht nur von einzelnen Querulanten versagt wurde. In einem anderen Unternehmen wäre dies sicherlich mit personellen Konsequenzen verbunden.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

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