Diskussionen über Zeitpunkt und Art der Reaktion: Notenbanker besorgt über Spekulationsblasen

Diskussionen über Zeitpunkt und Art der Reaktion
Notenbanker besorgt über Spekulationsblasen

Spekulationsgetriebene Vermögenszuwächse treiben Notenbanker und Wissenschaftler nicht erst seit dem Platzen der New-Economy-Blase im Jahr 2000 um. Ob, wie und wann übersteigerten Preisen von Aktien, Anleihen oder Immobilien begegnet werden soll, bleibt allerdings umstritten.

HB FRANKFURT/M. Das Meinungsspektrum ist weit gefächert. Das eine Extrem geht davon aus, dass sich Notenbanken auf ihr traditionelles Ziel der Preisstabilität, gegebenenfalls auch auf das hoher Beschäftigung konzentrieren sollen. Für hohe Vermögenspreissteigerungen sind sie erst zuständig, wenn diese in einen Abschwung münden und zu einer Bedrohung für das Finanzsystem werden. Dann sind die Zentralbanken als Kreditgeber der letzten Instanz gefordert, die notwendige Liquidität bereitzustellen. Prominenter Verfechter dieses Ansatzes ist US-Notenbankchef Alan Greenspan. Auch zahlreiche andere Vertreter des Federal Reserve Systems sprechen sich dafür aus.

Am anderen Ende der Skala steht die Auffassung, Notenbanken sollten nicht erst warten, bis eine Blase geplatzt ist. Sie sollten dem Boom vielmehr vorbeugend die Luft ablassen. Zu dieser Position hat sich EZB-Chef Jean-Claude Trichet bekannt. Sein Vize, Lucas Papademos, hält zwar auch Vorbeugen für besser als Heilen. Er bezweifelt aber, dass sich Vermögenspreisblasen nur mit den Mitteln der Geldpolitik effizient kontrollieren lassen.

Neuere Studien differenzieren zwischen Situationen, in denen eine vorbeugende Straffung der Zinspolitik sinnvoll erscheint, und solchen, in denen das nicht der Fall ist. „Es kann Phasen geben, in denen das Risiko zu hoch ist, als dass man es unbeachtet lassen könnte“, schreibt etwa Michael Bordo von der US-Universität New Brunswick. „Wir plädieren nicht dafür, dass die Währungsbehörden die Vermögenspreise standardmäßig als Zielgröße ansteuern, wie es einige Zentralbanken mit der Verbraucherpreisinflation tun.“

Aber außergewöhnliche Entwicklungen an den Märkten für Vermögenswerte könnten gelegentlich ein Abweichen von den Regeln erfordern. In der Praxis ist es allerdings schwierig zu sagen, wann Preisentwicklungen bei Aktien oder Immobilien außergewöhnlich sind und wirtschaftliche Verwerfungen drohen. Das belegt eine Untersuchung der Auf- und Abschwungphasen in 15 OECD-Staaten seit 1970. Nur bei vier der 24 untersuchten Aktienbooms und bei elf der 20 Immobilienbooms folgte ein Crash.

Ehe nähere Erkenntnisse über das Zusammenspiel von realer Wirtschaft und Finanzmärkten vorliegen, dürfte es für die Handhabung von Vermögenspreisblasen kein Patentrezept geben. Empirisch belegen lässt sich allerdings heute schon, dass Höhenflüge der Preise für Aktien und Immobilien häufig mit einer Kreditexpansion einhergehen. Laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich lassen sich mit solchen Indikatoren auch bei aktuell geringem Inflationsdruck finanzielle Ungleichgewichte über drei bis vier Jahre voraussagen. Das spricht dafür, den in der Geldpolitik üblichen Zeithorizont von ein bis zwei Jahren auszuweiten.

Marietta Kurm-Engels
Marietta Kurm-Engels
Handelsblatt / Redakteurin
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