Ergo
Wie der Sex-Reise-Skandal zur Nebensache wird

Die Ergo hat geladen: In Hamburg erklärt Marketingchefin Andrea Hoelken vor Werbeexperten die neue Kampagne des Versicherers. Die Sex-Reise nach Budapest interessiert hier scheinbar niemanden so richtig.

HamburgDreißig Minuten hat Andrea Hoelken jetzt gesprochen. Sie hat von dem Tag erzählt, an dem sie als Marketingleiterin bei der Hamburg-Mannheimer erfuhr, dass ihre Marke beerdigt wird - und Herr Kaiser gleich mit, eine der bekanntesten Werbefiguren. Sie hat geschildert, wie sie als neue Marketing-Chefin von Ergo mit der Umbennungskampagne "die historische Chance für ein neues Markenbild" ergriff: der erste Versicherer, der verständlich ist.
Jetzt, nach dreißig Minuten, ist sie beim 19. Mai angelangt - dem Tag, an dem die Medien erstmals über die Sexreise von Vertretern nach Budapest schrieben. "Das schmerzt. Das macht traurig. Das macht wütend", sagt die rothaarige Frau mit dem Peace-Zeichen an der Halskette. Aber jetzt müsse man die Krise als Chance begreifen. "Das zeigt doch, wie wichtig der eingeschlagene Weg ist."

Mehr Sexskandal findet an diesem Abend, hier in einem Hamburger Restaurant direkt an der Alster, nicht statt. Die Gäste klatschen begeistert, Nachfragen zu der negativen Presse und einem Imageschaden haben sie keine. Im Publikum sitzen Marketing-Mitarbeiter aus Unternehmen und Agenturleute auf Einladung des Branchenvereins Marketeer Club Europe. Sie interessieren sich für ganz andere Dinge: Wie viele Mitarbeiter braucht man, wenn man 2000 Produktbroschüren überarbeiten muss? Von wem ging eigentlich die Idee aus, dass man verständlicher werden müsse - hat da tatsächlich eine Idee aus dem Marketing die komplette Unternehmensstrategie umgekrempelt?

Erst später beim Essen sind die Skandale doch noch Thema. Aber kein negatives. Die Meinung ist erstaunlich einhellig: "Dadurch wird die Marke doch erst richtig bekannt." Oder: "Durch die Probleme wird der Konzern doch erst menschlich und sympathisch."

Anderswo sieht man das kritischer, etwa bei der Agentur Deutsche Markenarbeit in Düsseldorf. Geschäftsführer Frank Dopheide hat die Auswirkungen genau analysiert - und hält sie für "katastrophal". Da die Marke Ergo noch nicht lange am Markt sei, stehe sie in den Köpfen vieler Menschen für nichts. Sie hätten Ergo mit den Skandalen das erste Mal richtig wahrgenommen. "Die erste bewusste Begegnung prägt ein Markenbild für lange Zeit", sagt Dopheide. Für jedes etablierte Unternehmen wären die Skandale weniger schädlich. "Die Marke wird auf absehbare Zeit nicht zu reparieren sein."

Bislang scheinen aber die Optimisten recht zu behalten: Ergo verzeichnet bisher nur rund 500 Stornierungen wegen der Skandale.

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