EU-Aufsicht
Solvency II bedroht Finanzierung der Banken

Der Chefvolkswirt der Allianz beklagt unerwünschte Nebenwirkungen der EU-Regulierung. Er hofft, dass sich Europa noch rechtzeitig eines Besseren besinne.
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Die Allianz beklagt unerwünschte Nebenwirkungen der EU-Regulierung. "Die Finanzierung der Wirtschaft über Banken wird zwangsläufig schwieriger", schreibt Michael Heise, der Chefvolkswirt des Versicherers, in einem Kommentar für die Branchenzeitschrift "Versicherungswirtschaft". Sinnvoll wäre es aus seiner Sicht, die Kreditabhängigkeit vieler Unternehmen zu verringern, indem alternative Finanzierungen über den Kapitalmarkt erleichtert würden. Durch die ab 2013 geplanten EU-Regeln für Versicherer geschehe aber das Gegenteil: "Die Anlageentscheidungen der wichtigsten und stabilsten Investoren am Kapitalmarkt werden durch Solvency II über die Maßen eingeschränkt und der direkte Zugang der Unternehmen zum Kapitalmarkt somit erschwert."

Ganz anders als die EU-Aufseher verhielten sich die Amerikaner, stellt Heise weiter fest. Sie beaufsichtigten die Banken zwar ebenfalls schärfer, aber sie schränkten nicht gleichzeitig auch den Handlungsspielraum der Versicherer ein. In Europa gehöre die Versicherungswirtschaft zu den wichtigsten Kapitalgebern der Banken. Nach Angaben der Europäischen Zentralbank halten Versicherer und Pensionsfonds Schuldtitel der europäischen Banken im Wert von rund 500 Milliarden Euro. "Ihnen kommt eine Schlüsselrolle bei der Lösung der Refinanzierungsprobleme der Banken zu", stellt Heise fest.

Mit Solvency II werde diese Rolle aber zunehmend infrage gestellt, schreibt Heise. Auch Versicherungsmanager beklagen dies. Der Grund ist eine Regel der Versicherungsaufseher: Unternehmensanleihen sollen generell mit Kapital bis zu 70 Prozent unterlegt werden. Zudem wollen die EU-Aufseher langfristige Kapitalanlagen gegenüber kurzfristigen Titel benachteiligen. Das hängt damit zusammen, dass die EU-Aufseher für langfristige Kapitalanlagen der Versicherer ein Liquiditätsrisiko annehmen, auch wenn diese bis zum Ablauf gehalten werden sollen. "Diese erhöhte Kapitalunterlegung kann dazu führen, dass die Versicherer nicht parallel zum steigenden langfristigen Kapitalbedarf der Banken ihr Engagement erhöhen können, sondern im Gegenteil aus Renditegesichtspunkten ihre Positionen reduzieren müssen", warnt Heise.

Der Chefvolkswirt des größten europäischen Versicherers stellt im Ergebnis eine bizarre Konstellation in der EU-Regulierung der Finanzbranche fest. Während die Bankenaufseher auf der linken Seite mehr langfristiges Kapital forderten, schränkten die Versicherungsaufseher auf der rechten Seite den Handlungsspielraum der Langfristinvestoren ein. "Das passt nicht zusammen." Es bleibe zu wünschen, dass sich Europa noch rechtzeitig eines Besseren besinne.

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