EU-Experten warnen
Europas Banken müssen auf Diät gesetzt werden

Europas Bankensektor ist zu fett, meint ein Expertengremium von EU-Finanzwissenschaftlern. In einer Studie vergleicht es die europäischen Institute mit einem Übergewichtigen – und empfiehlt eine Diät.
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DüsseldorfEuropas Bankensektor hat zu viel Speck angesetzt, zu diesem Schluss kommt eine Studie für den Europäischen Ausschusses für Systemrisiken (ESRB). Der Risikorat (ESRB/European Systemic Risk Board) ist Teil der neuen europäischen Finanzmarktaufsicht. Die EU-Staaten schufen 2010 gleich mehrere neue Aufsichtsbehörden, die seit Anfang dieses Jahres über die Märkte wachen. Dafür nähern sich die Wissenschaftler um den Ausschussvorsitzenden Marco Pagano, Bundesbank-Vizepräsidentin Claudia Buch und Martin Hellwig vom Max-Planck-Institut dem Bankensektor wie ein Arzt seinem Patienten und machen zunächst eine Bestandsaufnahme.

Ob bei Größe, Wachstum, Konzentration oder Verschuldungsgrad - das Ergebnis der Wissenschaftler ist eindeutig. „Im Bezug auf all diese Indikatoren ist unser Patient unnormal schwer.“ So schwer, dass er sogar keinen positiven Beitrag zur europäischen Wirtschaftsleistung mehr erbringen könne. „Der europäische Bankensektor hat eine Größe erreicht, in der sein marginaler Beitrag zum Wachstum der Realwirtschaft winzig oder sogar negativ ist“, so die Autoren. Und: „Aufgeblasene Bankensysteme haben das Potential, weitere Banken und Schuldenkrisen zu verursachen.“

Untermauert wird dieses Ergebnis mit Zahlen: Das Verhältnis der gesamten Vermögen der Europäischen Banken zum erwirtschafteten EU-Bruttoinlandsprodukt sei mittlerweile auf 234 Prozent angewachsen. In Japan liege dieser Wert bei 193 Prozent. In den USA betrage dieses Verhältnis gerade einmal 145 Prozent – selbst wenn die angeschlagenen Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac mit eingerechnet werden.

Auch die Bankenkonzentration sei in Europa deutlich ausgeprägter als in den USA. Zwar sei der Marktanteil der größten drei Institute mit 21 Prozent noch kleiner als in den USA, wo die drei größten Banken 35 Prozent des Marktes beherrschen. Doch betrachtet man die zwanzig größten Institute, sieht das Bild anders aus: Diese vereinen in der EU ein Vermögen von 23,7 Billionen Dollar, in den USA ein Vermögen von 17,7 Billionen Dollar. Vom rasanten Wachstum des Bankensektors in Europa, der sich seit 1996 verdoppelt hat, hätten fast nur die zwanzig größten Banken profitiert – sie legten um rund 139 Prozent zu.

Der starke Wettbewerb auf dem europäischen Bankenmarkt sorge damit gleich für zwei Effekte: Zum einen würden die Banken ein höheres Risiko gehen, um sich im Markt zu behaupten. Zum anderen würden sie sich auf Geschäfte einlassen, die sie unter anderen Wettbewerbsbedingungen nicht machen würden, um keine Marktanteile zu verlieren. Am aufgeblasenen Bankensektor sei die Politik mitschuldig: Zum eine habe sie es versäumt, die Banken durch klare Wettbewerbsregeln in die Schranken zu weisen, zum anderen habe man durch die Förderung nationaler Champions die Konzentration vorangetrieben.

Durch die enge Verzahnung und die großen Abhängigkeiten, sowohl der Staaten von den Banken als auch der Banken untereinander, seien Institute entstanden, die durch den Staat nicht mehr gerettet werden könnten – und damit zum systemischen Problem werden. Vom Universalbank-Modell, das auch die Deutsche Bank vorantreibt, halten die Wissenschaftler wenig. Das breite Angebot an Bankgeschäften mache eine Bank so anfälliger für systemische Risiken. Außerdem steige das Risiko, dass im Grunde krisenfreie Bereiche angesteckt würden.

Als Reaktion auf die Krise hatte die Europäische Union zuletzt die Kapitalanforderungen verschärft und die Haftungsregeln überarbeitet. Seit November soll die Europäische Zentralbank das Geschäftsgebaren überwachen.

Um den übergewichtigen Bankensektor weiter abzuspecken, haben die Wissenschaftler des ESRB eine eigene Diät entworfen. Der Report empfiehlt einer Reihe neuer Vorschriften, um den Verschuldungsgrad zu senken und die Banken wieder auf traditionelle Kreditgeschäfte zu verpflichten.

Die bisherigen Maßnahmen seien nicht ausreichend, um das Problem zu lösen. Die Kapitalanforderungen müssten weiter steigen, zudem müsse weitere Konzentration durch eine strengere Wettbewerbsaufsicht verhindert werden. Um auch die exzessive Schuldenkonzentration zu verhindern, sollten die EU-Staaten ihre Schulden künftig auch auch nicht mehr bevorzugt bedienen.

Agentur
Bloomberg 
Bloomberg / Nachrichtenagentur

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  • Über das Thema kann man diskutieren!

    Aber es gilt zu bedenken, dass Banken nicht wegen ihres Kundengeschäfts, sondern wegen anderer Eskapaden in Schwierigkeiten gekommen sind. Eine Bankenrettung aus Steuergeldern, also unter Solidarhaftung aller Bürger, ist keinesfalls vertretbar.

    Die Forderung kann folglich nicht in einer Verschmelzung sondern in einer Zerschlagung in kleinere Einheiten bestehen. Alternativ kann auch über eine staatlich garantierte Zahlungsverkehrsbank für die Bürger nachgedacht werden. Einer Bank, die den Bürgern einen sicheren Zahlungsverkehr in Deutschland und eine sichere Geldaufbewahrung garantiert.

    Eine Neugründung würde diese Forderung nicht begründen. Die Landeszentralbanken bräuchten lediglich für den Privatkunden geöffnet zu werden und "der Drops wäre gelutscht".

  • Die Banken sind nur unter einander/miteinader beschaeftigt. alles andere wird nicht vertraut. bis das vertrauen unter die Banken stockt. Dann gibts aerger, dann stockt alles.

  • Naja, wenn die Staaten immer mehr Schulden bei den Instituten machen, dann wird natürlich die Bilanz der Banken aufgebläht. Ich sehe die Probleme in erster Linie bei den Staaten. Die Banken sind hier nur der Sündenbock für eine total verfehlte Wirtschaftspolitik in der EU-Zone. Aber die Leute haben ja wieder mehrheitlich das "weiter so" gewählt, anstatt die kleinen Parteien jenseits der Großen und der AfD zu wählen, die eine grundlegende Reform der EU vorschlagen. Die Medien machen hier leider auch keine gute Figur, da sie nur zwischen den großen Parteien und der AfD polarisieren.

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