EZB-Vize Papademos warnt vor negativen Folgen von Vermögens-Preisblasen: „Vorbeugen ist besser als Heilen“

EZB-Vize Papademos warnt vor negativen Folgen von Vermögens-Preisblasen
„Vorbeugen ist besser als Heilen“

Notenbanken sollten nach Möglichkeit versuchen, die Bildung von Vermögens-Preisblasen zu verhindern. „Im Prinzip ist Vorbeugen besser als Heilen“, sagte der Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Lucas Papademos, dem Handelsblatt.

FRANKFURT/M. Er betonte aber, dass es nicht einfach sei, Übertreibungen an den Märkten effizient zu unterbinden. „In der Praxis ist es schwierig, eine Vermögens-Preisblase auszumachen und deren Ausmaß einzuschätzen. Und es ist nicht minder schwierig, die Entwicklung von Assetpreisen nur mit den Instrumenten der Geldpolitik zu kontrollieren.“ Zwar könnten Zentralbanken versuchen, einer Blase durch höhere Zinsen entgegenzuwirken. Vermögenspreise seien aber kein Ziel der Geldpolitik, sondern Indikatoren, die Informationen über Preisrisiken lieferten. Das vorrangige Ziel der Geldpolitik sei Preisstabilität. Damit müssten alle Maßnahmen zur Bekämpfung von Vermögens-Preisblasen im Einklang stehen.

Papademos vertritt damit eine offensivere Position als US-Notenbankchef Alan Greenspan, der dafür plädiert, den Märkten freien Lauf zu lassen und lediglich die Folgen von Vermögens-Preisblasen zu lindern. Stark steigende Preise an den Aktien-, Anleihe- und Immobilienmärkten treiben Notenbanker und Wissenschaftler nicht erst seit dem Platzen der New-Economy-Blase im Jahr 2000 um. Ob, wie und wann etwas dagegen unternommen werden sollte, ist umstritten. Papademos hält „bubbles“ für „unerwünscht“ wegen der großen Schäden, die sie verursachen, wenn sie platzen.

Neue Nahrung erhält das Thema durch das Übermaß an Liquidität, das nicht nur im Euro-Raum, sondern weltweit zur Verfügung steht. Der EZB-Rat weist seit einigen Monaten auf die damit verbundenen mittelfristigen Inflationsgefahren hin. Unter anderem könnte die hohe Liquidität in Kombination mit starkem Kreditwachstum „eine Quelle für nicht haltbare Vermögens-Preissteigerungen vor allem auf Immobilienmärkten“ werden.

Der EZB-Vize beschreibt einige Herausforderungen, denen sich Zentralbanken bei exzessiven Vermögens-Preissteigerungen stellen müssen. So sei es mitunter schon ein Problem zu bestimmen, welches Assetpreisniveau fundamental gerechtfertigt sei – teils aus methodischen Gründen, teils weil sich Veränderungen in den Fundamentaldaten oft schwer ausmachen ließen. Angesichts solcher Unsicherheiten müsse sorgfältig abgewogen werden, ob eine wahrgenommene Lücke zu den laufenden Preisen sehr groß sei und ob sie sich möglicherweise mit der Zeit selbst korrigiere. Hinzu kämen Unterschiede in den Euro-Staaten. „Die Immobilienpreise in den einzelnen Ländern können sich sehr unterschiedlich entwickeln. Entscheidend für die Geldpolitik ist aber unsere Einschätzung für den gesamten Euro-Raum“, erläuterte der EZB-Vize.

Auch wenn eine Notenbank eine Blase identifiziert habe, werde es nicht einfacher. Sie könne versuchen, diese durch höhere Zinsen in Schach zu halten. Das könne so lange problemlos sein, wie die Perspektiven für die Preisstabilität eine gleichgerichtete Zinsänderung erforderten. „Wenn aber übertrieben optimistische oder irrationale Erwartungen die Dynamik der Vermögenspreise bestimmen, ist es unwahrscheinlich, dass moderate Zinserhöhungen ausreichen, um diese Dynamik zu brechen“, sagte Papademos. Dazu müssten die Zinsen möglicherweise so stark angehoben werden, dass die Wirtschaft Schaden nehme.

Komplexer sei die Sachlage, wenn der Einfluss stark steigender Vermögenspreise auf die wirtschaftliche Aktivität und die Inflation durch andere Faktoren – etwa eine inflationsdämpfende Lohn- oder Wechselkursentwicklung – kompensiert oder überkompensiert werde. „Es könnte dann angemessen sein, die Zinsen gar nicht oder weniger stark zu verändern, als wenn die Eindämmung der Vermögens-Preissteigerungen das Hauptziel wäre“, sagte Papademos.

Der Frage, ob es am Anleihemarkt eine Blase gebe, entzog sich Papademos. Für die derzeit historisch niedrigen Anleiherenditen im Euro-Raum bietet er vier Erklärungen an: Erstens spiegelten sie günstige Inflationserwartungen wider. Zweitens seien sie Ausdruck moderater Wachstumserwartungen, die möglicherweise auch durch den hohen Ölpreis beeinflusst sein könnten.

Drittens könnte es sich um eine strukturelle Veränderung handeln: Institutionelle Anleger und ausländische Investoren könnten ihre Präferenzen geändert haben und verstärkt langfristige Anleihen kaufen. Viertens sei nicht auszuschließen, dass die Märkte die mit Bonds verbundenen Risiken zu niedrig bewerteten. Da sich die Inflationserwartungen im Euro-Raum seit Jahresbeginn kaum verändert hätten, sei der jüngste Rückgang der Renditen wohl auf die anderen Faktoren zurückzuführen. Papademos erwartet, dass die realen Renditen langfristig wieder steigen.

Dass sich die Diskussion über eine Lockerung des Stabilitäts- und Wachstumspakts noch nicht in höheren Renditen niedergeschlagen hat, wundert den EZB-Vize nicht. Zum einen stehe noch nicht fest, ob eine Reform des Pakts tatsächlich zu einer Aufweichung der fiskalischen Disziplin führe. Zum anderen sei für die Märkte entscheidend, ob ein Land seinen Schuldendienst leisten könne. „Die Märkte reagieren meist langsam auf laufende Haushaltsdefizite und häufig erst dann, wenn sich bereits erhebliche Ungleichgewichte aufgebaut haben. Darum ist die finanzpolitische Disziplin, die die Märkte ausüben, kein Ersatz für den Pakt“, sagte Papademos.

Marietta Kurm-Engels
Marietta Kurm-Engels
Handelsblatt / Redakteurin
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