Fannie Mae & Freddie Mac
Wall Street wittert fette Beute

Die US-Politik streitet noch über die Auflösung der Immobiliengiganten Freddie und Fannie, da arbeiten die Großbanken schon daran, deren staatlich abgesichertes Geschäft mit Hypotheken zu übernehmen. Experten halten dieses Manöver jedoch für gefährlich.
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New YorkBei der Neuregulierung ihres Geschäfts nach der Finanzkrise mussten die US-Großbanken so manchen Tiefschlag einstecken. Nun, da Washington die lange aufgeschobene Reform der beiden halbstaatlichen Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac wohl angehen will, bläst die Wall Street zum Gegenangriff. Wenn die beiden als Gefahr für die Wirtschaftserholung geltenden Giganten aufgelöst werden sollten, würden die Institute gerne das staatlich abgesicherte Geschäft mit Hypotheken übernehmen. Wie aus öffentlich zugänglichen Dokumenten hervorgeht, treffen sich ihre Lobbyisten seit Wochen mit Politikern, um ihnen diese Lösung schmackhaft zu machen. Sie würde „Innovation und Effizienz“ sicherstellen, sagte dazu Michael Heid, Top-Manager bei der viertgrößten US-Bank Wells Fargo, zuletzt bei einer Anhörung im Kongress.

Experten halten das Manöver für durchsichtig und gefährlich. „Die Banken bekämen so das Beste aus zwei Welten“, sagte Ed Pinto, Ex-Kreditvorstand bei Fannie Mae, in einem Handelsblatt-Interview. Die Institute erhielten so das Geschäft der beiden Firmen und die Absicherung durch den Staat, fügte Pinto hinzu. Zudem wäre wieder nicht sichergestellt, dass die Vergabestandards bei den Hypotheken nicht zugunsten von Profiten und politischen Zielen aufgeweicht würden. Weil dies in der Vergangenheit passiert sei, hätten Fannie und Freddie die USA in den letzten 20 Jahren zweimal in eine Krisegestürzt, einmal beim Sparkassenkollaps in den 80ern und zuletzt bei der größten Rezession seit den 1930ern.

Ein politisch heißes Eisen

Vor allem seit Mitte der 90er-Jahre hatten die börsennotierten und mit staatlicher Überlebensgarantie versehenen Firmen Hypotheken von immer zahlungsschwächeren US-Bürgern aufgekauft. Dahinter stand politisches Kalkül. Es sollten so viele Menschen wie möglich in den eigenen vier Wänden wohnen. Möglich war dies, weil sich beide Unternehmen aufgrund ihrer staatlichen Garantie extrem billig Geld am Kreditmarkt besorgen konnten. Alles ging so lange gut, wie die Immobilienpreise stiegen und selbst Menschen mit wenig Geld ihre Kredite mit dem wachsenden Wert ihrer Häuser decken konnten. Als die Blase platzte, rutschten die USA in die Rezession, und Freddie sowie Fannie saßen auf riesigen Beständen notleidender Kredite. Sie mussten mit Hunderten von Milliarden Dollar von der US-Regierung gerettet und in Treuhänderschaft übernommen werden. Eigentlich sollte die US-Regierung bis Ende dieses Monats einen Vorschlag für eine Beendigung dieser rechtlich nur bis 2013 zulässigen Treuhänderschaft vorlegen. Aber weil das Thema politisch vermintes Terrain ist, wird dieser Bericht nun erst im Februar erwartet.

Ohne eine Reform der beiden halbstaatlichen Firmen werden die USA nach einhelliger Meinung aller Beteiligten ihren Immobilienmarkt nicht in den Griff bekommen. Sie halten oder garantieren nicht nur mehr als die Hälfte der ausstehenden Hypotheken in den USA im Wert von mehr als zehn Billionen Dollar. Sie sind derzeit auch faktisch die einzigen Aufkäufer von Hypothekenanleihen am US-Markt, mit denen die Banken ihre Baufinanzierungen refinanzieren. Es muss also ein Weg gefunden werden, um private Investoren zum Kauf dieser Anleihen zu bewegen, ohne dass die Versorgung des US-Immobilienmarktes mit Krediten unterbrochen wird. Denn dieser ist immer noch angeschlagen und würde in diesem Fall sofort wieder kollabieren. Die Folge wäre vermutlich eine neuerliche Rezession in den USA.

Vorbild Deutschland

Darüber, wie eine Lösung aussehen kann, gibt es unterschiedliche Vorstellungen. Ex-Fannie-Vorstand Pinto hat gemeinsam mit dem Forschungsinstitut AEI und einigen Kongressabgeordneten einen Vorschlag vorgelegt, der sich Strukturen der deutschen Immobilienfinanzierung über den Pfandbrief zu eigen macht. „Damit private Investoren wieder US-Hypothekenanleihen kaufen, sollte – wie beim Pfandbrief – per Gesetz geregelt werden, dass nur bestimmte, sehr hochwertige Darlehen in diese Papiere aufgenommen werden können“, sagte Pinto. Dadurch würde es für Investoren nicht nur momentan attraktiv werden, solche Anleihen auch ohne staatliche Garantien zu erwerben. „Sie wüssten auch, dass die Standards nicht wieder – wie ja zuletzt mehrfach geschehen – aufgeweicht würden“, sagte er. Eine solche Konstruktion sei ja der Grund dafür, dass sich der deutsche Pfandbrief in der Krise so gut geschlagen hat. Parallel dazu müsse man die Geschäftstätigkeit von Fannie und Freddie über einen Zeitraum von drei Jahren zurückfahren, um sie dann nach spätestens fünf Jahren aufzulösen. „Sollte die Regierung dann schwächere Einkommensgruppen unterstützen wollen, müsste dies durch direkte Hilfen geschehen“, fügte er hinzu. Die wären dann im Budget sichtbar und könnten nicht mehr in halbstaatlichen Firmen versteckt werden.

Reicht der politische Wille?

Die Lösung des Immobilienfinanzierungsproblems wurde in Washington bereits mehrfach auf die lange Bank geschoben. Erst flog sie aus dem im Sommer 2010 verabschiedeten Wall-Street-Regulierungsgesetz heraus, dann wollte man das heiße Eisen nicht vor den Parlamentswahlen im November anfassen. Völlig offen ist bislang, ob Präsident Barack Obama gewillt ist, im Aufgalopp zu den Präsidentschaftswahlen 2012 die Risiken eines Kleinkriegs mit Opposition und Lobbygruppen zu dem heiklen Thema auf sich zu nehmen. „Die Feiglinge, die Washington bevölkern, sind einfach nicht willens, Freddie und Fannie zu restrukturieren“, schimpfte daher zuletzt Bankenanalyst Chris Whalen.


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