Finanzindustrie: Europäische Bankenaufsicht nennt Details für Stresstests

Finanzindustrie
Europäische Bankenaufsicht nennt Details für Stresstests

Endlich stehen die Kriterien für die EU-Bankenstresstests fest. Um das Vertrauen der Kapitalmärkte in das europäische Bankensystem zu festigen, sind sie "dieses Mal noch härter", wie BaFin-Chef Jochen Sanio sagt.
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Frankfurt/WashingtonDie zuständige Europäische Bankenaufsicht (EBA) hat die Bedingungen und Szenarien für den zweiten Banken-Stresstest zusammengestellt und den Kreditinstituten zugeschickt. Für kommenden Freitag hat EBA-Chef Andrea Enria die Bankmanager zu einem einstündigen "Conference Call" eingeladen, um weitere Details zu diskutieren. Ziel der zweiten Übung dieser Art ist es, die Widerstandskraft des europäischen Bankensystems und der einzelnen Institute gegen externe Schocks zu testen. Erstmals wird die EBA dabei auch die Auswirkungen von steigenden Zinsen auf die Refinanzierung der Geldhäuser überprüfen, geht aus dem Informationsmaterial der Aufseher hervor, das dem Handelsblatt vorliegt. Mit dem zweiten Stresstests nach 2009/2010 kämpft Europa um das Vertrauen der Kapitalmärkte in sein Bankensystem.

Am 18. März wird die Aufsicht die endgültigen Kriterien veröffentlichen und die Liste der teilnehmenden Banken vorstellen, die Ergebnisse sollen dann im Juni vorliegen. Die Bankenaufseher haben nach eigener Darstellung die Kritikpunkte des letzten Stresstests aufgegriffen und diese "lessons learnt" eingearbeitet. Die ausgewählte Bankengruppe ist mit 88 europäischen Instituten weitgehend unverändert geblieben, rund 65 Prozent des Bankensystems würden damit laut EBA abgedeckt.

Bereits im Vorfeld verteidigte Jochen Sanio, Chef der deutschen Bankenaufsicht BaFin, die Tests gegen Kritik aus dem Kapitalmarkt. "Ich kann nicht verstehen, wie man bei den ersten Stresstests auf die Idee kommen konnte, sie seien zu lasch gewesen. Und dieses Mal sind die Kriterien noch härter", sagte Sanio am Montagabend auf einer Bankenkonferenz in der US-Hauptstadt Washington auf eine skeptische Nachfrage aus dem Publikum. Unter anderem hatte Hans-Werner Sinn, Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts Ifo, die Kriterien als nicht hart genug bezeichnet. "Akkurate Stresstests würden zeigen, dass viele Banken noch gewaltige stille Laste tragen", sagte er in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Die Bankenaufseher spielen als Grundlage zwei volkswirtschaftliche Szenarien durch: Das erste ist unproblematisch, weil es sich weitgehend an den Wachstums- und Inflationsprognosen der EU-Kommission aus 2010 orientiert. Im zweiten Szenario wird dagegen ein Konjunktureinbruch und eine krisenhafte Entwicklung an den Finanzmärkten durchgespielt. In diesem Krisenszenario schrumpft das BIP in der Eurozone 2011 um 0,5 Prozent und 2012 um 0,2 Prozent, außerdem wird ein Einbruch am Immobilienmarkt simuliert.

Für die Banken hat das Krisen-Szenario negative Auswirkungen auf ihre Wertpapierbestände im Handelsbuch - das auf das kurzfristige Halten der Papiere abstellt - und die Mittelbeschaffung an den Kapitalmärkten. Unterstellt wird von der EBA im Krisenszenario für das erste Quartal 2011 ein durchschnittlicher Anstieg der langfristigen Renditen bei Staatsanleihen im Euroraum von 75 Basispunkten und von 66 Basispunkten in der EU. Dabei setzen die Aufseher unterschiedlich hohe Bewertungsabschläge (haircuts) ein, um die Bonität der einzelnen Staaten abzubilden. Die Aktienkurse in Europa werden im schlechten "Adverse Scenario" um 15 Prozent fallen. Auch werden wieder wachsende Spannungen am Geldmarkt angenommen, die zu einem Anstieg der Zinsen für kurzfristige Ausleihungen der Banken untereinander von 125 Basispunkten führen. Das Bankbuch, in dem die Kreditinstitute den Großteil ihrer Anlagen bis zur Endfälligkeit halten, wird auch dieses Mal nicht mit den verschärften Maßstäben geprüft.

Wie am späten Abend aus Brüssel verlautete, ist dagegen nicht vorgesehen, den Komplettausfall eines Staates bei den Stresstests zu simulieren.

Robert Landgraf
Robert Landgraf
Handelsblatt / Chefkorrespondent Finanzmärkte
Christian Panster
Christian Panster
Handelsblatt Online / Ressortleiter Finanzen

Kommentare zu " Finanzindustrie: Europäische Bankenaufsicht nennt Details für Stresstests"

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  • Ich bin für laschere Stresstests, größerere (unbegrenzte) Rettungsschirme und die totale Haftung Deutschlands für die Schulden Europas. Und für E10.
    Warum? Je mehr davon, desto eher kommt der Staatsbankrott. Und je eher der kommt, desto schneller kommen wir auch wieder auf die Beine.
    Ach ja, die Geldscheine werden dann mal wieder ein neues Design haben.

  • Propaganda für das tumbe Volk......
    Die Banken sind marode - das Geld der Sparer und Anleger und viel Fiat-Money welches garnicht wirklich existiert sind verzockt !
    Seht bald gibt es Währungsreformen !!!!!!

  • Och, wie niedlich, Sanio kann nicht verstehen, warum man den ersten Stresstest für zu lasch hielt!
    Da kann ich ihm helfen:
    Das liegt dran, weil selbst todkranke Banken (z.B. irische), die kurz danach kollabierten, den Stresstest bestanden hatten! Sanio hätte längst entmachtet sein sollen und müssen! Die Finanzkrise hat leider die geplanten Reformen ausgebremst (Abschaffung der BAFin + Bündelung der Bankenaufsicht bei der Bundesbank). Schade! Sanio wäre ein unauffälliger Rentner geworden, desssen Ausscheiden niemand im Bankensystem bemerkt hätte.

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