Finanzkrise in Italien: In Depressionen verfallen

Finanzkrise in Italien
In Depressionen verfallen

Unter Italiens Bankern geht die blanke Angst um: Depressionen breiten sich aus und die Zahl der Selbstmorde unter Bankern steigt dramatisch an. Im Internet schreiben viele sich den Frust von der Seele.

MAILAND. Morgen gehe ich zum vierten Mal zu einer Beerdigung eines Kollegen. Die dritte wegen Selbstmord." Dieser tragische Satz aus dem viel gelesenen Blog "Uncas" aus der Szene der italienischen Finanzberater zeigt, wie es um die Gemütslage der Berater steht, die ihren Kunden in Krisenzeiten erklären müssen, warum ihre Depots hohe Verluste aufweisen und warum sie keinen Kredit für ihre Wohnung bekommen. Gleichzeitig steigt der Druck seitens der Banken und Versicherer auf die oft freiberuflich tätigen Berater, noch mehr Produkte abzusetzen.

Längst ist das Internet zum Kummerkasten der Betroffenen der Krise geworden, die hier diskutieren, was sie in ihrer Filiale, bei ihren Kunden oder auch in ihrer Familie nicht auszusprechen wagen. Auf Mitleid oder Verständnis der öffentlichen Meinung und der Politik, die sonst in Italien jeden Arbeitsunfall zur Staatssache erklärt, um dann doch nichts zu tun, hofft der Blog-Verfasser trotz des Selbstmords seines Kollegen nicht: "Es wird keine roten Fahnen geben und auch keine Menschenansammlung vor der Kirche", schreibt er. "Die Manager werden versuchen, so schnell wie möglich jede Nachricht zu neutralisieren, die der Reputation des Unternehmens schaden könnte. Für die Witwe wird es ein kleines Trostpflaster geben und für den Sohn vielleicht einen Arbeitsplatz oder ein Stipendium des Unternehmens."

"Wer weiß, wie wir enden werden? Und ich will nächstes Jahr heiraten ?", sagt ein Kollege. "Ich höre auf!", teilt ein anderer Finanzberater mit, während ein weiterer zynisch die Erklärung der Menschenrechte zitiert: "Jeder Mensch hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf angemessene und befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz gegen Arbeitslosigkeit."

Nicht nur die Finanzberater lassen im Internet ihren Frust ab. Auch Tausende Anwälte klicken täglich auf den Blog "Studio Illegale", ein Spiel mit dem Wort für Anwaltskanzlei "Studio legale". Dort beschreibt ein junger Anwalt einer Mailänder Großkanzlei ironisch die Neurosen in seiner von Anglizismen dominierten Welt, in der die Kollegen den Trennungsgrund in der Beziehung mit der Freundin "Deal-Breaker" nennen und den Taxifahrer der Nachtschicht besser kennen als ihre Nachbarn. Auch in dieser Welt ist die Krise angekommen, wie der häufige Besuch von Giovanni, dem Project-Finance-Anwalt, beim Blog-Autor zeigt. Denn der hat auf einmal Zeit für Frauen, aber braucht nun Nachhilfe von dem jungen Kollegen in Sachen Kontaktpflege.

"Merkt Ihr nicht, dass sich die Richtung ändert und dass nun auch die unzähligen Anwaltskanzleien die Wirtschaftskrise zu spüren bekommen?", fragt ein Leser und skizziert die neuen Bedürfnisse des Marktes: mehr Anwälte, die Kredite eintreiben, aber weniger Anwälte, die sich um Fusionen, Übernahmen, Private Equity und ähnliche Finanzgeschäfte kümmern. Realität im Netz.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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