Finanzwissenschaftler Olaf Stotz
„Anleger müssen nun mehr Risiko gehen“

Die Leitzinsen in der EU sinken auf ein Rekordtief, der Dax springt über die 10.000 Punkte. Im Interview spricht Professor Olaf Stotz von der Frankfurt School of Finance & Management über die Folgen der Zinsentscheidung.
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Die Bankenverbände toben, weil die Europäische Zentralbank den Leiszins auf 0,15 Prozent gesenkt hat. Im Interview erklärt Olaf Stotz, Professor für Asset Management an der Frankfurt School of Finance & Management, warum die Genossenschaftsbanken die Niedrigzinsen besonders trifft, warum er keine Inflation erwartet und wie die Anleger jetzt reagieren werden.

Herr Stotz, die EZB senkt den Leitzins auf ein Rekordtief und erhebt Strafzinsen auf Einlagen. Ein erfolgreiches Rezept, um die Kreditvergabe anzukurbeln?
Die EZB erhofft sich für die Realwirtschaft zwar, dass in der Kreditwirtschaft die Vergabe angekurbelt wird. Das wird durch diesen kleinen Schritt und auch durch die Strafzinsen auf Einlagen aber meiner Einschätzung nach nicht erreicht. Denn letztendlich hängt die Kreditvergabe davon ab, wie gut oder schlecht der Kredit ist. Da muss es in der Realwirtschaft Objekte geben, die sich auch finanzieren lassen Ob die Einlagen bei der EZB nun mit null oder negativ verzinst werden, spielt da keine große Rolle.

In einer ersten Reaktion hat der Euro deutlich an Wert verloren, der Dax hat erstmals die 10.000 Punkte geknackt. Welche Folgen hat der Entscheid für die Finanzwirtschaft?
Auf die Finanzwirtschaft hat die Entscheidung doch deutliche Auswirkungen, weil die Banken ihr Geld tendenziell eher bei der EZB anlegen. Sie werden es allerdings überwiegend nicht in der Realwirtschaft, also in Kredite, sondern an den Kapitalmärkten anlegen. Letztendlich werden die Kurse an den Kapitalmärkten weiter nach oben gedrückt. Dadurch entsteht eine Inflation, wie von der EZB beabsichtigt, aber das ist eine Asset-Inflation, keine reale Inflation.

Die Volksbanken und Sparkassen fühlen sich durch den Zinsentscheid besonders benachteiligt. Zu Recht?
Mit Sicherheit ist es eher ein Problem für die Volks- und Raiffeisenbanken, die sich eher durch die Einlagen ihrer Mitglieder refinanzieren. Es ist unattraktiver geworden, Gelder aufzunehmen. Auf der anderen Seite stehen natürlich die Kreditzinsen unter Druck, weil die Volks- und Raiffeisenbanken eher das klassische Kreditgeschäft betreiben, leiden die unter der niedrigen Marge. Sie beschweren sich darum zu Recht, aber so ist der Markt.

Wie werden die Anleger jetzt reagieren?
Die Problematik, die bisher bestanden hat, bleibt bestehen. Vermeintlich sichere Anlageformen verlieren durch die niedrigen Zinsen an Attraktivität, so dass die Anleger mehr Risiko eingehen, um noch anständige Renditen zu erzielen. Aktienpreise, Immobilienpreise und Unternehmensanleihen dürften zulegen. Über sichere Anlagen geht das nicht mehr.

Ist die Niedrigzinspolitik ein Strohfeuer oder wie lange kann Geld noch billig sein, ohne eine ausufernde Inflation zu riskieren?
Das Problem ist, dass wir eine einheitliche Zinspolitik für einen Wirtschaftsraum haben, der sich ganz unterschiedlich entwickelt. Früher konnte man durch einen Anstieg des Zinses die Wirtschaft in den Boom-Regionen etwas abkühlen und durch sinkende Zinsen konnte man schwächelnde Regionen etwa aufwerten. Dazu hatte man auch noch das Instrument der Währungs-Wechselkurse, das fällt heute völlig weg. Eine Zinssenkung wie die heutige führt jetzt natürlich dazu, dass die boomenden Regionen weiter befeuert werden und man sich erhofft, dass es dort inflationäre Tendenzen gibt. Andererseits sollen die schwächelnden Regionen im Süden wieder angekurbelt und die deflationären Tendenzen eingegrenzt werden. Ich glaube nicht, dass das funktioniert.

Warum?
Das Problem mit Inflation und Nicht-Inflation ist zu großen Teilen durch die Währung beeinflusst. Nur wenn der Euro deutlich abschwächen würde, besteht Inflationspotential. Und der Euro wird wahrscheinlich nicht schwach tendieren, denn dafür ist die europäische Wirtschaft noch robust genug. Die Ausgleichmechanismen funktionieren mehr über die Realwirtschaft, beispielsweise über die Arbeitsmigration. Das wird sich über einen längeren Zeitraum fortsetzen.

Herr Stotz, vielen Dank für das Gespräch!

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