Fintechs: Brexit-Bonus für Berlin

Fintechs
Brexit-Bonus für Berlin

Stimmen die Briten im Juni für einen Austritt aus der EU, droht nicht nur der Wegzug etablierter Banken aus der Hauptstadt London. Auch die jungen Wilden aus der digitalen Finanzwelt suchen womöglich eine neue Bleibe.

London/BerlinEin Ausstieg Großbritanniens aus der EU könnte nicht nur der Bankenstadt Frankfurt zu einem Schub verhelfen. Auch Berlin winkt im Falle eines sogenannten Brexits eine Aufwertung als Firmenstandort. Die deutsche Hauptstadt dürfte zwar nicht massenweise Londoner Banker anlocken, aber sie hat Chancen, sich zu einem wichtigen Biotop für neu gegründete Finanzunternehmen aus der Internet- und IT-Welt (Fintechs) zu mausern. Noch handelt es sich dabei nur um Zwerge verglichen mit den großen Geldhäusern, sie bilden jedoch eine der wachstumsstärksten Branchen der Welt.

Wie in Europas Bankindustrie spielt auch bei den Fintechs die Musik hauptsächlich in London. Das könnte sich aber ändern, wenn sich die Briten im Referendum am 23. Juni entscheiden, der Europäischen Union den Rücken zu kehren. „Andere Städte wie Berlin oder Paris würden als europäisches Drehkreuz dann attraktiver erscheinen als London“, sagt Taavet Hinrikus, Chef der Firma Transferwise, die Geldtransferdienste über das Internet anbietet. „Wir prüfen derzeit unsere Optionen.“

Damit steht Transferwise nicht allein. Im Gegenteil: Zehn von Reuters befragte Fintechs aus London waren sich einig darin, dass ein EU-Austritt ernsthafte Konsequenzen für ihre Geschäfte hätte. Sieben gaben an, eine Verlegung ihres Hauptsitzes zu erwägen. Brexit-Befürworter tun solche Ankündigungen zwar als reine Drohgebärden ab. Aber anders als bei Großbanken wäre für Fintechs ein Umzug viel leichter zu bewältigen.

Es herrscht jedenfalls Nervosität unter den Finanz-Startups, die herkömmliche Banken mit neuen Geschäftsmodellen und IT-Angeboten herausfordern wollen. Sie befürchten, dass ein Brexit ihren Zugang zu Kunden in der EU verschlechtern und Technologie-Talente und Geldgeber vertreiben könnte. „Würde Kapital aus Großbritannien fliehen? Würden Investoren abgeschreckt? Dies alles ist unsicher, und das ist gefährlich“, sagt Dan Gandesha, Chef des Unternehmens Property Partner, das online Kapital für Immobilienfinanzierungen einsammelt.

Noch ist London das Mekka für Fintechs. Nach Berechnungen der Unternehmensberatung EY erwirtschaftete die Branche vergangenes Jahr in Großbritannien umgerechnet 8,5 Milliarden Euro Umsatz und lag damit vor dem Hightechparadies Kalifornien und der Finanzhochburg New York. Sie zählt im Königreich mehr Beschäftigte als in Singapur, Hongkong, Deutschland und Australien zusammen. Die Firmen profitieren in London von einem doppelten Vorteil: Sie haben dort günstige Regulierungsbedingungen und können zugleich andere europäische Märkte leicht bedienen. Dies hat Finanzminister George Osborne bewusst vorangetrieben.

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