Fr, 12.09.2008, 15:01
Überlebenskampf einer Wall-Street-Legende: Lehman-Bank vor Verkauf

Die Tage des 158 Jahre alten Traditionshauses Lehman Brothers scheinen gezählt. In einem unerbittlichen Wettlauf mit der Zeit sucht das Wall-Street-Urgestein unter Mithilfe der US- Regierung nach einem Käufer.
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Fr, 12.09.2008, 15:01Die Tage des 158 Jahre alten Traditionshauses Lehman Brothers scheinen gezählt. In einem unerbittlichen Wettlauf mit der Zeit sucht das Wall-Street-Urgestein unter Mithilfe der US- Regierung nach einem Käufer, der möglichst noch an diesem Wochenende die Rettung bringt. Sonst könnte der viertgrößten US-Investmentbank Experten zufolge der völlige Untergang drohen - mit unabsehbaren Folgen für die weltweiten Finanzmärkte. «Der Kollaps einer Bank dieser Größenordnung würde eine weitere Welle von Verwerfungen nach sich ziehen», warnte Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann jüngst.

Immer schneller überschlugen sich zuletzt die Ereignisse. Nach einem zur Wochenmitte vermeldeten Rekordverlust wollte der seit 14 Jahren amtierende Lehman-Chef Richard Fuld zur Rettung umfangreiche Konzernteile abspalten und verkaufen. «Zu spät», kritisierten Analysten, zumal die Deals noch nicht einmal ausgehandelt sind. Prompt stürzte die Lehman-Aktie weiter lebensbedrohlich ab. Seit Jahresbeginn lösten sich über 90 Prozent des Börsenwerts in Luft auf.

Das Schicksal der Bank mit deutschen Wurzeln trifft die Branche ins Mark. Die drei Gebrüder Lehman aus dem unterfränkischen Rimpar bei Würzburg kamen Mitte des 19. Jahrhunderts nach Amerika und schufen 1850 auf der Basis eines Gemischtwarenladens die Firma Lehman Brothers - heute einer der ältesten Namen an der Wall Street. Doch Tradition hin oder her: «Die Anleger haben fast jedes Vertrauen verloren», sagt ein Händler auf dem Parkett.

Immensen Kredit verspielte Lehman auch bei seinen Kunden und den rund 25.000 Beschäftigten - und beschleunigte so die Abwärtsspirale. Viele Mitarbeiter müssen bei einer Übernahme gehen. Als vor einem halben Jahr der Finanzriese J.P. Morgan Chase die Investmentbank Bear Stearns in einem Notverkauf zum Schnäppchenpreis schluckte, verlor die Hälfte der Angestellten ihren Job. «Hier läuft jeder wie betäubt herum», sagte ein Lehman-Mitarbeiter der «New York Times», der aus Angst um den Job wie alle Kollegen seinen Namen nicht nennen will.

So wie Lehman die Zeit davonläuft, wird auch die Liste möglicher Retter immer kürzer. Als Käufer sind am ehesten noch die Bank of America und die britische Barclays Bank im Gespräch. Viele andere stecken selbst viel zu tief im Krisensumpf, andere scheuen das Risiko, alle rufen nach staatlicher Unterstützung für eine rettende Übernahme. Regierung und US-Notenbank stecken damit ein weiteres Mal in der Zwickmühle: Helfen oder im Zweifel lieber sterben lassen?

Den Verkauf von Bear Stearns hatte die Notenbank mit 29 Milliarden Dollar abgesichert. Für die Rettung der zwei US-Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac erst Anfang dieser Woche ging es bereits um 200 Milliarden Dollar. Beide Male verteidigten Finanzminister Henry Paulson und Notenbankchef Ben Bernanke das Eingreifen mit dem Verweis auf sonst noch viel größere Risiken für die Märkte weltweit. Diesmal zögern sie noch aus Angst vor einem Fass ohne Boden. Sonst könnte bald jedes größere Unternehmen in Not nach dem Staat rufen.

Unter den Wettbewerbern Goldman Sachs, Morgan Stanley und Merrill Lynch herrscht alles andere als Schadenfreude. Mit Lehman würde schon die zweite der fünf großen unabhängigen US-Investmentbanken der Krise zum Opfer fallen. Das einst als Quelle satter Milliardengewinne gefeierte US-Modell der im Vergleich zu Geschäftsbanken wenig regulierten Investmenthäuser steht damit schwer in der Kritik.

Gerade Lehman Brothers war im hochgiftigen Wertpapiermarkt für kaum besicherte Immobiliendarlehen («subprime») besonders stark engagiert - und bezahlt dies nun teuer. Der legendäre US-Milliardär Warren Buffett sagte einmal sarkastisch: «Da gibt es so etwas wie poetische Gerechtigkeit: Die Leute, die diese giftige Limonade gebraut haben, haben am Ende ziemlich viel davon selbst getrunken.»

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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