Garantiezins: Praxis von Versicherern alarmiert Aufsicht

Garantiezins
Praxis von Versicherern alarmiert Aufsicht

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht untersucht die umstrittene Gewinnverteilung in der Lebensversicherung.

DÜSSELDORF. Einigen Lebensversicherern droht neues Ungemach: Die Finanzaufsicht nimmt derzeit die Praxis der Unternehmen bei der Gewinnbeteiligung unter die Lupe. Die „merkwürdige Abkehr einiger Versicherer von der üblichen Verteilungspraxis“, sagt ein Branchenvertreter, hat die Aufseher auf den Plan gerufen. Ein erster Meinungsausstausch des Amtes mit Branchenvertretern im Januar hat zu keinem Ergebnis geführt. Der zweite Termin ist verschoben worden und soll in Kürze folgen.In der Branche wird deshalb mit einer Entscheidung der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) in den kommenden Tagen gerechnet.

Kunden von Lebensversicherungen erhalten generell einen garantierten Zins, der je nach Jahr des Vertragsbeginns zwischen 2,75 Prozent und vier Prozent schwankt (Grafik). Zusätzlich schreiben die Versicherer den Kunden eine so genannte Überschussbeteiligung gut, die aus den Anlageerfolgen der Assekuranzen herrührt. Bislang erhalten die Kunden aber – unabhängig von ihrem Garantiezins – am Ende den gleichen Gesamtzins (Garantie plus Überschussbeteiligung) auf ihr angespartes Kapital gut geschrieben, zum Beispiel fünf Prozent. Einige Versicherer weichen nun davon ab. Wer eine höhere Garantie hat, bekommt einere geringere Gesamtverzinsung (etwa 4,5 Prozent) und wer weniger Garantie hat bekommt mehr (zum Beispiel 4,8 Prozent).

In der Branche gehen die Meinungen dazu auseinander. Die Gegner sehen darin eine Subvention des Neugeschäftes zu Lasten der Bestandskunden. Die Befürworter begründen die Unterscheidung damit, dass Garantien Geld kosten und die Anlage entsprechend konservativer erfolgen müsse. „Die Garantieverzinsung darf nicht aus Aktien kommen“, sagt etwa Kurt Wolfsdorf von der Deutschen Aktuarvereinigung, in der die maßgeblichen Versicherungsmathematiker zusammengeschlossen sind. Er hat errechnet, dass die Versicherer quer über ihren Bestand im Schnitt 3,5 Prozent bis 3,7 Prozent erwirtschaften müssen, um die Garantien bezahlen zu können. Sprich: Bei geringerer Garantie können die Versicherer mehr Geld in Aktien anlegen und damit – so die Theorie – auch mehr Gewinn erwirtschaften. Da die Luft an den Kapitalmärkten aber dünner geworden ist, erhoffen die Befürworter sich von der Differenzierung mehr Spielraum bei der Verteilung des Gewinns.

Bei der auf Verbraucherinteressen spezialisierten Ratingagentur Assekurata stoßen die Unterschiede nicht auf Gegenliebe. „Man muss berücksichtigen, dass die Kunden, die die heutige Bestandsrendite erwirtschaftet haben, nicht schlechter gestellt werden dürfen“, sagt Assekurata-Geschäftsführer Reiner Will dem Handelsblatt. Schließlich hätten die Neukunden noch gar keinen Kapitalanlagebestand aufgebaut. „Die Neukunden dürfen nicht gegenüber den Altkunden bevorzugt werden“, sagt auch Karl Panzer, Chef der LV1871, die ihre Kundengelder einheitlich mit 3,7 Prozent verzinst. Panzer: „In der Praxis legt ein Versicherer seine Gelder insgesamt an und nicht unterschiedlich nach Tarifen.“

Zu den Verfechtern der gesplitteten Verzinsung gehören beispielsweise die Victoria, die Hamburg- Mannheimer und Gerling. „Die Differenzierung berücksichtigt, dass die Kapitalkosten je nach Garantieniveau höher oder niedriger sind“, sagt Norbert Heinen, Chef der Gerling-Leben. Seine Gesellschaft verzinst die Kundenguthaben zwar zunächst einheitlich mit 3,5 Prozent, gibt aber am Vertragsende unterschiedlich hohe Gewinnanteile in Abhängigkeit vom Garantiezins. Diese so genannten Schlussboni belaufen sich auf 1,30 Prozent (wenn 3,25 % garantiert ist) bzw. 1,50 Prozent (2,75 Prozent garantiert) auf die angesammelten Guthaben.

Auch nach Ansicht von Lebensversicherungsexperte Oskar Goecke von der Fachhochschule-Köln wäre die Differenzierung über Schlussgewinnanteile ein vernünftiger Kompromiss: „Bei dem geringen Spielraum müssen die Schlussgewinnanteile an Bedeutung gewinnen.“ Mit Spielraum meint er die extrem dünn gewordene Luft zwischen dem Zins, den die Versicherer aus den Kapitalanlagen erwirtschaften und dem, den sie den Kunden garantieren müssen.

Den Gewinn erst am Schluss dem Kunden gutzubringen, ist risikoloser für die Gesellschaften, weil sie bis dahin noch darüber verfügen können. Deshalb werden die bis zum Vertragsschluss zurück gestellten Gelder von der Aufsicht auch als haftendes Eigenkapital anerkannt, was die Versicherer direkt entlastet. Einige Versicherer sollen es mit der Differenzierung nach Informationen aus der Branche allerdings zu weit getrieben haben. Namen nennt das Amt keine.

Selbst für Befürworter Heinen ist die Angelegenheit eine Frage des richtigen Maßes: „Die Spreizung muss um so kleiner sein, je höher der Abstand zwischen Markt- und Garantiezins und je höher die Reserven im Altbestand sind.“ Damit räumt auch er ein, dass die Reserven aus den Altverträgen nicht per se an die Neukunden verfrühstückt werden dürfen. Darauf hat das Amt zu achten. Gesellschaften mit hohen Reserven wie Marktführer Allianz müssen also einheilich verfahren, um nicht mit der BaFin in Konflikt zu geraten.

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