Gastbeitrag
Liebesentzug am Bankschalter

Geldhäuser sind keine Telefonzellen: Trotz kostengünstiger Direktbanken ist vielen Kunden eine Filiale in der Nähe nach wie vor sehr wichtig. Und doch erleben Genossenschaftsbanken und Sparkassen eine Zeitenwende. Ein Gastbeitrag von Oliver Mihm, Vorstandsvorsitzender von Investors Marketing Management Consulting.
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FrankfurtEine Sparkasse ohne Filiale? Das ist kaum vorstellbar und wird derzeit auch nicht ernsthaft diskutiert. Dennoch stehen viele Institute vor der Frage, wie sie ihr Filialgeschäft auf Dauer profitabel betreiben und die Präsenz in der Fläche erhalten können, ohne Marktanteile zu verlieren. Die Herausforderung der optimalen Flächenstruktur ist für den stark filialzentrierten Geschäftsansatz der Sparkassen von besonderer Bedeutung, denn mit über 13.000 Filialen sind sie führend im Markt.

Betrachtet man die Entwicklung über alle Bankengruppen hinweg, so sind von rund 57.000 Filialen im Jahr 2000 heute nur noch 38.000 übrig. Rund 40 Prozent der Filialschließungen entfielen auf Sparkassen und Genossenschaften und gingen einher mit einer rückläufigen Zahl der Institute in den beiden Verbünden. Aber auch die Postbank hat die Zahl der Filialen um rund 8000 reduziert.

Berücksichtigt man, dass viele Filialen aus strukturellen Gründen – etwa bei der Bereinigung von überschneidenden Marktgebieten – geschlossen wurden, fällt der Rückgang trotz des veränderten Kundenverhaltens und des zunehmenden Kostendrucks im Markt eher moderat aus.

Bisher hat sich die einst von einem Direktbank-Vorstand aufgestellte These: „Bankfilialen sind wie Telefonzellen im Handy-Zeitalter – sie werden immer überflüssiger“ jedenfalls nicht bestätigt. Die Diskussion um die Zukunft der Filiale bedarf daher einer umfassenderen Würdigung und muss zunächst die Frage beantworten: Welche Funktionen hat die Filiale heute und in Zukunft? Für wen sind diese Leistungen wichtig?

Eins ist klar: Die Mehrheit der Kunden legt auch in Zukunft großen Wert auf die Filiale. Im Jahr 2010 gaben 56 Prozent der befragten Bankkunden an, dass sie selbst für günstigere Preise und Konditionen keinesfalls auf Filialen verzichten wollen. Die Bedeutung der Filiale für Privatkunden hat dennoch in den vergangenen zehn Jahren einen Wandel erfahren. Der Anteil der Kunden, für die die Filiale im Mittelpunkt ihrer Bankbeziehung steht, wird immer kleiner und liegt nach unseren Untersuchungen nur noch bei etwa 26 Prozent. Die Hauptfunktion der Filiale liegt für die meisten Kunden – neben der Bargeldversorgung – in der Beratung und dem Abschluss von Produkten. Für Informationen und Service werden zunehmend auch andere Kanäle, allen voran das Internet, genutzt.

Kommentare zu " Gastbeitrag: Liebesentzug am Bankschalter"

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  • Ich verstehe nicht, warum Unternehmen angegiftet werden, die erfolgreich wirtschaften. Bin ich unzufrieden mit dem Preis-/Leistungsverhältnis, dann wechsle ich den Anbieter. Eine Bank, gerade auch eine Sparkasse, muß unbedingt Geld verdienen, weil die Kredite, die sie vergeben darf, je nach Sicherheiten, via Regulierung von der Höhe ihres Eigenkapitals abhängt. Basel III hat hier die Anfor-derungen noch mal verschärft. Wie soll eine Sparkasse mit ihren klammen Eigentümern denn mehr Eigenkapital kriegen wenn nicht durch Gewinne?! Private Banken können sich mehr Eigenkapital zusätzlich über die Börse verschaffen, wenn die gut drauf ist.

  • @gstml: So so, die Gewinnansprüche der Kreissparkassen sind niedriger als die der Geschäftsbanken? Meine KSK verlangt höhere Dispozinsen als Geschäftsbanken, dafür zahlt sie weniger für Tages- & Festgeld. Noch Fragen?

  • @Emmy: Und wo finanziert der Mittelstand? Etwa bei der Direktbank?

    Und wenn die Sparkassen angeblich die "Totengräber des Mittelstandes" sind: Sind da die Geschäftsbanken etwa die großen Retter, oder wie ist das zu verstehen.

    Auch Sparkassen verschenken kein Geld. Aber deren Gewinnansprüche sind weit niedriger als die der Geschäftsbanken. Und das tut dem Mittelstand definitiv gut.

    Aber manchmal habe ich den Eindruck, als sollen die Sparkassen gefälligst die Kosten für Filialen, Geldautomaten und schwierige Kredite tragen, damit Geschäfts- und Direktbanken, dann frei von solchen Belastungen - gefälligst auch in Zukunft kostenfreie Girokonten anbieten können. Super!

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