Gebührenärger bei Volksbanken
Jetzt kommen die Strafzinsen

Es ist ein Tabubruch: Immer mehr Volks- und Raiffeisenbanken erheben Minuszinsen. Die gelten nicht mehr nur für Millionäre – Sparer zahlen teilweise schon ab dem ersten Euro drauf. Und das dürfte erst der Anfang sein.
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DüsseldorfPlötzlich geht es ganz schnell: Vor einem Jahr hatte die Raiffeisenbank Gmund am Tegernsee erstmals Minuszinsen fürs Tagesgeld ab 100.000 Euro eingeführt. Betroffen waren knapp 140 Kunden und die deutschen Banken erklärten den Schritt rasch zur Ausnahme. Eine neue Erhebung zeigt jetzt aber: Strafzinsen auf Guthaben werden vom Tabubruch zur Regel. Und Vorreiter sind erneut die Genossenschaftsbanken.

Das Preisvergleichsportal Verivox hat eine erste Übersicht über Volks- und Raiffeisenbanken mit Minuszinsen erstellt. Sie liegt dem Handelsblatt vorab vor. Bei aktuell 972 deutschen Genossenschaftsbanken stellt sie nur einen Ausschnitt dar – zeigt aber, wohin die Reise geht. Kunden müssen damit rechnen, dass ihre Hausbank Sparen nicht mehr belohnt, sondern bestraft.

Die Strafzinsen auf Einlagen, auch „Verwahrentgelte“ genannt, sind dabei nicht gering. Im Gegenteil: Sie bewegen sich in einer Höhe von minus 0,3 bis minus 0,5 Prozent. Je nach Bank fallen sie auf Girokonten an, aber auch auf beliebten Sparprodukte, etwa auf Tagesgeld- und Festgeldkonten.

Die Volksbank Reutlingen setzt auf den Rundumschlag. Hier greifen die neuen Strafzinsen von minus 0,5 Prozent laut Preisübersicht schon ab dem ersten Euro auf dem Girokonto und ab 10.000 Euro auf dem Tagesgeldkonto („VR-FlexGeld“). Wer auf dem Festgeldkonto („VR-AnlageGeld“) 25.000 Euro für ein halbes Jahr parkt, zahlt minus 0,25 Prozent Zinsen, und selbst wer sein Geld für ganze zwei Jahre der Bank überlässt, zahlt immer noch drauf und muss ein Entgelt von minus 0,1 Prozent berappen.

Die Volksbank Reutlingen bewirbt ihre Sparprodukte denn auch gar nicht mehr mit der Verzinsung, sondern hebt ganz auf den Faktor Sicherheit ab: „Legen Sie Ihr Geld als Festgeld an. (...) Genau das Richtige, wenn Sie eine sichere Anlagevariante ohne Kursrisiko suchen“, heißt es auf der Homepage. Dass eine Anlageform mit negativer Verzinsung bei Inflationsraten zwischen 1,5 und 2,0 Prozent freilich alles andere als sicher ist, erwähnt die Bank nicht. Gegenüber dem Handelsblatt erklärt eine Sprecherin: „Angesichts des anhaltenden Niedrizingsniveaus mit all' seinen belastenden Auswirkungen für uns als regionale Bank haben wir in der Tat Negativzinsen eingeführt“. Genauer gesagt seien „die formalen, vertraglichen Voraussetzungen dafür“ geschaffen worden. Die Einführung von Negativzinsen beziehe sich aber nur auf Kontoneueröffnungen. Bisherige Privatkunden seien „in der großen Breite“ nicht betroffen.

Ob bei Neu- oder bei Bestandskunden: Andere Genossenschaftsbanken erheben erst ab einer Schwelle Verwahrentgelte: Bei ihnen greifen die Negativzinsen ab 100.000 Euro (so etwa bei der VR-Bank Mittelsachsen, der Volksbank Stendal und der Raiffeisenbank Gmund), ab 250.000 Euro (wie bei der Volksbank Norderstedt), oder sogar erst ab 500.000 Euro (VR-Bank Donau-Mindel, Volksbank Ermstal-Alb, Skatbank).

Kleinsparer sind dennoch betroffen: Viele Banken haben in den vergangenen Monaten kräftig an der Gebührenschraube gedreht – und früher üppige Zinsen auf einen Minimalwert, oft 0,0 Prozent, abgeschmolzen. Durch kreative Entgeltgestaltung zahlen viele Sparer de facto schon heute Negativzinsen, auch wenn sie die Bank nicht ausweist. Ein typisches Beispiel ist die Preisgestaltung der Volksbank Raiffeisenbank Niederschlesien: Diese gewährt zwar immer noch homöopathische 0,01 Prozent Zinsen auf manche Einlagen, erhebt jedoch gleichzeitig laut Verivox Kontoführungsgebühren zwischen fünf und 50 Euro. So rutscht die Realverzinsung ins Negative.

Als weitere Einnahmequelle haben viele Volksbanken und Sparkassen neue, kreative Gebührenmodelle fürs Geldabheben entdeckt, wie bereits Ende März berichtet. Sind die Minuszinsen nun der nächste Schritt? „Hier kann man von einem Trend sprechen“, urteilt Thomas Beutler, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Saarland. „Das Niedrigzinsniveau hält sich hartnäckig und die Banken leiden darunter.“ Eine Zeit lang könnten diese die Phase zwar kompensieren. Je mehr hochverzinste Altanlagen der Bank jedoch ausliefen, desto mehr spitze sich die Problematik zu, so Beutler.

Kommentare zu " Gebührenärger bei Volksbanken: Jetzt kommen die Strafzinsen"

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  • Hier nochmals mein spurlos verschwundener Kommentar:

    "Die Volksbank Reutlingen bewirbt ihre Sparprodukte denn auch gar nicht mehr mit der Verzinsung, sondern hebt ganz auf den Faktor Sicherheit ab"

    Sicher ist dabei nur, daß das Geld weniger wird.

    Ein Negativzins von -0.5 % heißt, daß nicht nur die Kosten des EZB-Negativzinses (-0.4%) ausgeglichen werden, sondern auch noch ein kleines G´schäftle gemacht wird.

    Banken, die ihre Kunden via Gebühren bzw. Negativzinsen schröpfen, geht es schlecht, denn sie verdienen bei ihrem eigentlichen Geschäft (Kreditvergabe) nichts mehr.


    Kein guter Ort also, um sein Geld dort aufzubewahren.

  • Kommentar vom 01.09.2016 zu http://www.handelsblatt.com/finanzen/banken-versicherungen/strafzinsen-auf-sparkonten-sag-niemals-nie/14486110.html:

    „Für den normalen Sparer hätten Negativzinsen Konsequenzen, die wir alle nicht wollen.“ (Anm.: warum die Banken das Bargeld so gerne los wären, kann sich wohl hoffentlich jeder denken).
    Aber: Man sollte sich als Banker nach den Erfahrungen aus der Finanzkrise schwer damit tun, „nie“ sagen, fügte er an."

    Soso, es geht also schon los mit den Negativzinsen.

    Und dann? Wie geht's weiter?

    Sollen die Leute, die nicht wollen, dass ihr Geld so peu à peu auf direktem Wege auf die Banken übergeht quasi gezwungen werden, dies entweder indirekt in Form von Gebühren („Wenn der Kunde auch Finanzprodukte des Hauses – etwa Fonds – zur Vermögensanlage nutze und es so einen Ausgleich für die Bank gebe, „macht man die Faust in der Tasche und lässt den Kunden unbehelligt von negativen Zinsen“.) zuzulassen oder aber auf Teufel komm raus immer noch mehr zu konsumieren (…), um so Wachstum um jeden Preis zu generieren?

    Wachstum von was? Der immer weiter wachsenden Müllberge? Des Raubbaus an Natur und Ressourcen? Der Bäuche? Apropos Bäuche: Das Übergewicht unter der Weltbevölkerung ist dermaßen dramatisch angestiegen, dass bereits heute viele Kinder an „Altersdiabetes“ - Diabetes Typ 2 gabs nämlich früher bei Kindern nicht – leiden (die billigsten Erzeugnisse der Lebensmittelindustrie sind ja meist zugleich die ungesündesten). Da kann man sich leicht ausrechnen, was da in Zukunft noch auf die Gesundheitssysteme zukommen wird.

    Diesen Umstand könnten einige ganz Schlaue jetzt vielleicht ganz cool als „Chance“ interpretieren und ihr Geld einfach hier anlegen (also den vermeintlichen „Zukunftsmärkten“, die sozusagen mit der Reparatur bzw. Begrenzung der zuvor durch dieses unser heutiges Wirtschafts- und Finanzsystem selbst verursachten Schäden ihr Geld verdienen.) Also, mir wär‘ das echt zu zynisch. Hoffe, nicht nur mir.

    Einfach krank, das Ganze.

  • @Peter Kastner 07.06.2017, 11:59 Uhr

    "Gold, Bargeld,....
    sind die Sicherheit davor, das man täglich beklaut wird"


    Es sei denn, das Bargeld wird für ungültig erklärt (-> Indien) oder gleich ganz verboten.

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