Goldman Sachs und José Manuel Barroso

„Nicht in unserem Namen“

Goldman Sachs hat den ehemaligen EU-Spitzenpolitiker José Manuel Barroso angeheuert. Eine Gruppe von EU-Bürgern will das nicht hinnehmen. Ihre Petition haben bislang fast 80.000 Menschen unterschrieben.
„Ein verheerendes Symbol für die Europäische Union und ein gefundenes Fressen für alle Euro-Skeptiker.“
Petition im Internet

„Ein verheerendes Symbol für die Europäische Union und ein gefundenes Fressen für alle Euro-Skeptiker.“

London„Aus moralischer Sicht inakzeptabel“, mit diesen ungewöhnlich deutlichen Worten hatte Frankreichs Präsident Francois Hollande den Wechsel von José Manuel Barroso zur Investmentbank Goldman Sachs kritisiert. Er ist aber nicht der Einzige, der diesen Schritt verurteilt: Eine Gruppe von Angestellten der Europäischen Institutionen hat im Internet eine Petition gegen derartige „Drehtür“-Praktiken“ gestartet, die seit ihrem Start vor zwei Wochen mehr als 77.900 Unterstützer unterzeichnet haben.

Goldman Sachs sei eine derjenigen Banken, die am stärksten in die Hypothekenkrise verwickelt war, die zur Finanzkrise 2008 geführt habe, heißt es zur Begründung der Petition, die mit dem Satz beginnt: „Not in our name!“. Zudem habe das Institut zu der Entstehung der Griechenlandkrise beigetragen – von der sie darüber hinaus durch Spekulationsgeschäfte profitiert habe.

Es sei „ein verheerendes Symbol für die Union im ungünstigsten Moment und ein gefundenes Fressen für alle Euro-Skeptiker, dass ein ehemaliger Präsident der Kommission mit den unkontrollierten und unmoralischen Werten von Goldman Sachs in Verbindung gebracht wird“, kritisieren die Urheber der Petition. Barrosos Entscheidung, für „solch eine Bank zu arbeiten, ist ein weiteres Beispiel der unverantwortbaren 'Drehtür'-Praktiken, die nicht nur den EU-Institutionen schaden, sondern trotz Legalität auch moralisch verwerflich sind“. 

Der Protestaufruf hat auch das Interesse der britischen Medien geweckt: Am Dienstag berichteten sowohl die „Financial Times“ als auch „The Guardian“ darüber.

Anfang Juli hatte die US-Bank – die wegen ihrer guten Beziehungen zur Politik auch schon als „Government Sachs“ bezeichnet wurde - mitgeteilt, dass der 60-Jährige als Berater und Verwaltungsratschef für Goldman Sachs International (GSI) in London arbeiten werde. Er bringe „Sichtweisen, Urteilsvermögen und Ratschläge mit", die für die Führung der Bank und die Aktionäre von großem Wert seien, hieß es in der offiziellen Erklärung. Barroso werde helfen, die Kunden des Instituts durch „das herausfordernde und unsichere wirtschaftliche Marktumfeld" zu steuern, hatte Michael Sherwood, Co-Chef von GSI, ergänzt. Denn dem Institut stehen – wie anderen Banken mit Sitz in London auch – wegen des Brexit-Votums keine leichten Zeiten bevor.

Der Portugiese ist wahrlich krisenerprobt. Von 2004 bis 2014 hatte Barroso an der Spitze der EU-Kommission gestanden – eine Zeit, in der die Finanz- und die Griechenlandkrise stattfanden und sich die Staatengemeinschaft durch Aufnahme zahlreicher neuer Mitglieder stark veränderte. Davor war Barroso zwei Jahre lang portugiesischer Ministerpräsident.

Sein Job bei Goldman Sachs werde jetzt die wichtigste Beschäftigung werden, sagte er der „Financial Times“ nach seiner Ernennung. Aber er werde weiterhin als Dozent an der US-Universität Princeton und in Genf und Lissabon arbeiten.

Barroso ist nicht der erste Politiker, der für Goldman Sachs arbeitet. Italiens ehemaliger Premier Mario Monti steht ebenfalls auf dem Gehaltszettel der amerikanischen Bank; Henry Paulson war sieben Jahre Chef der Investmentbank, bevor er zum amerikanischen Finanzminister ernannt wurde. Auch der heutige EZB-Präsident Mario Draghi hat bereits für Goldman Sachs gearbeitet.

Die Mächtigen von Goldman Sachs
Gary Cohn
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Wer es an die Spitze von Goldman Sachs schafft, hat als Banker kaum noch Luft zur Karriere-Verbesserung. Der nächste logische Schritt? Die Politik. Diesen Weg geht nun Gary Cohn, die Vize-Chef der US-Investmentbank. Donald Trump hat ihn zu seinem wichtigsten Wirtschaftsberater ernannt. Cohn wird fortan den Nationalen Wirtschaftsrat („National Economic Council”) leiten. Übrigens ist er nicht der einzige Goldjunge, dem Donald Trump die Türen in die Politik öffnete.

Steve Mnuchin
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Der designierte Finanzminister der Trump-Regierung ist Steve Mnuchin. Er arbeitete 17 Jahre lang bei Goldman Sachs. Anschließend leitete er einen Hedgefonds. Die Investmentbank scheint ein solides Karrieretreppchen für künftige Finanzminister zu sein – Mnuchin ist der dritte Goldjunge, der seit den Neunzigern für den Job berufen wurde. Bill Clinton hatte Robert Rubin berufen, George W. Bush sich für Hank Paulson entschieden.

Steve Bannon
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Als rechter Hardliner machte sich Steve Bannon einen Namen. Seine Internetseite „Breitbart” gibt Ultrarechten eine Meinungsplattform. Sein Kommunikationstalent kam dem ehemaligen Goldman-Banker zugute – als Wahlkampfstratege verhalf er Trump zum Sieg. Im Januar 2917 wurde er Chef-Berater Trumps, hat seitdem aber mit einigem Machtverlust zu kämpfen.

Jose Manuel Barroso
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Ein Wechsel geht auch in die umgekehrte Richtung, wie der Fall des EU-Politikers Jose Manuel Barroso zeigt. Der frühere Präsident der Europäischen Kommission wird „Non-Executive Chairman“ bei der in London sitzenden Tochter Goldman Sachs International. Seine Funktion: Er soll dem Elite-Geldhaus bei der Beratung von Kunden helfen.

Anders Fogh Rasmussen
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Vor Barroso machte ein der hochrangigsten Sicherheitspolitiker des Westens die gleiche berufliche Umorientierung: Anders Fogh Rasmussen. Erst dänischer Regierungschef, dann bis 2014 Generalsekretär der Nato. Auch er ist ein gutes Beispiel dafür, dass die Personalrochaden bei der amerikanischen Bank in beide Richtungen gehen. Rasmussen arbeitet als Berater für Goldman Sachs.

Robert Zoellick
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Robert Zoellick ist Träger des Bundesverdienstkreuzes: Als Mitarbeiter des US-Außenministeriums war er Chefunterhändler der Zwei-Plus-Vier-Verhandlungen zur deutschen Wiedervereinigung. Später arbeitete er unter anderem im Weißen Haus, bei der staatlichen Immobilienbank Fannie Mae und als Berater für die Investmentbank Goldman Sachs.

Unter US-Präsident George W. Bush kümmerte er sich um die Positionen der Regierung zum Welthandel und trat 2006 wieder in die Dienste von Goldman Sachs. Von Mitte 2007 bis Ende 2012 war er dann Präsident der Weltbank. Im Oktober 2013 gab Goldman Sachs bekannt, dass Zoellick Vorsitzender des internationalen Berater-Direktoriums der Bank werde. Das Gremium sondiere für Goldman-Kunden weltweit Geschäfts- und Investitionsmöglichkeiten.

Mario Draghi
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Als Chef der Europäischen Zentralbank hat der Italiener Mario Draghi den Höhepunkt seiner Karriere erreicht. Draghi hat eine lange Laufbahn als Geldverwalter hinter sich. Von 2006 bis 2011 war er Chef der italienischen Notenbank Banca d'Italia. Auch bei Goldman Sachs brachte er es weit: Von 2002 bis 2005 war er Vizepräsident bei Goldman Sachs in London. Er war damit Partner und hielt Aktien der Bank.

Doch gegen den neuen Job von Barroso, dessen Amtszeit in der EU am 31. Oktober 2014 endete, wollen die Urheber der Petition, die sich selbst als „eine Gruppe von Angestellten der Europäischen Institutionen, verbunden durch unser Pflichtgefühl der Vertraulichkeit und professioneller Diskretion“ bezeichnet, vorgehen.

Ihr Ziel: Dass der Rat der Europäischen Union und die Europäische Kommission überprüft, ob der Portugiese „all seine Pflichten der Integrität und Diskretion gegenüber der Europäischen Union respektiert hat“ und ob man ihm seine Pension als ehemaliger Präsident der Kommission sowie alle EU-Ehrentitel streichen kann. Ende September soll die Petition übergeben werden.

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