Gothaer-Chef Werner Görg
"Solvency II droht ein Monster zu werden"

Der Chef der Gothaer, Werner Görg, kritisiert die EU-Aufseher scharf. Sie überforderten die Branche mit den neuen Kapital- und Aufsichtsregeln, die ab 2013 gelten. Görg fordert einfachere Regeln und weniger Bürokratie.
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Herr Görg, seit Jahren wird am EU-Regelwerk Solvency II gearbeitet. Doch warum kritisieren die deutschen Versicherer erst kurz vor Toresschluss nahezu geschlossen das Vorhaben?

Wir haben schon früh auf Probleme aufmerksam gemacht. Mit jeder Feldstudie sind die Anforderungen der Aufseher aber gewachsen. In seiner derzeitigen Form ist Solvency II viel zu komplex, ein Moloch, der nicht beherrschbar ist. Was die Aufseher von uns verlangen, bringt die Branche an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit. Es vermittelt auch keine Erkenntnisse mehr für die Führung eines Versicherers.

Das sagt ein Vorstandschef, der ein großes deutsches Versicherungsunternehmen führt und die Idee von Solvency II eigentlich gut findet?

Die neuen Regeln, die ab 2013 gelten sollen, verankern gute Grundsätze. Es geht darum, Versicherungsunternehmen wertorientiert zu steuern. Höhere Risiken müssen mit mehr Eigenkapital unterlegt werden, geringe mit weniger Mitteln. Das ist richtig, und daran halten wir auch fest.

Sie sprechen nicht nur für die Gothaer, sondern vertreten auch rund 65 Versicherungsvereine, die mehr als 40 Milliarden Euro an Prämien im Jahr einnehmen. Was haben die Aufseher aus Ihrer Sicht falsch gemacht?

Das System ist insgesamt nicht mehr stimmig. Manche Regeln überfordern uns, andere Dinge sind noch gar nicht geregelt, zum Beispiel wie Gleichordnungskonzerne behandelt werden sollen. Im Gegensatz zu Unterordnungskonzernen gibt es dafür aber überhaupt keine Definitionen. Beim bestem Willen wird es nicht möglich sein, die Gruppenanforderungen zu bewältigen und umzusetzen. Ich wüsste nicht, wie das gehen sollte.

Stecken die Aufseher nicht tief genug in einer Branche, in der allein hierzulande rund 400 Unternehmen miteinander konkurrieren?

So wirkt das. Das ganze Regelwerk ist nicht sehr praxisorientiert. So wird etwa die Unfallversicherung der Krankenversicherung zugeordnet. Mit der Folge: Ein Sachversicherer, der dies anbietet, muss mit Anforderungen aus völlig anderen Bereichen zurecht kommen. Absurd wird es dann sogar, wenn der gleiche Kompositversicherer Haftungsrückstellungen für Personenschäden hat. Diese muss er nach den Prinzipien der Lebensversicherung berechnen. Schon ein durchschnittlicher Sachversicherer muss also die volle Bandbreite aller Systeme abbilden. Das ist ohne externe Berater kaum zu schaffen.

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