Großes Potenzial Islamkonforme Finanzprodukte: Streng regulierte Nische

Islamische Finanzprodukte entwickeln sich in der Krise so gut wie nie.

SINGAPUR. Das Vermögen, das in den nach islamischem Recht konzipierten Fonds angelegt ist, hat sich in den vergangenen zwei Jahren von 267 Mrd. US-Dollar auf 763 Mrd. Dollar nahezu verdreifacht. Das geht aus Zahlen hervor, die die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young jüngst beim weltweit größten Treffen der Branche, der World Islamic Funds Conference, in Bahrain vorgestellt hat. Spätestens im Jahr 2010 könnte die eine Billion-Dollar-Grenze überschritten sein. Der Markt wächst derzeit weltweit um etwa 20 Prozent jährlich.

Und das in einer Nische des Finanzmarkts, die so streng reguliert ist wie kaum ein Sektor der Geldbranche. Die Vorgaben für das Geschäftsmodell geben Interpretationen des Korans, das heilige Buch der Muslime. Zinsen dürfen nicht erhoben werden. Beteiligungen an Unternehmen, die Kontakt mit Glücksspiel, Schweinefleisch, Alkohol, Tabak, Waffen und Prostitution haben, sind verboten. Auch mit Derivaten, Leerverkäufen, Termingeschäften oder Subprime-Krediten haben sich islamische Banken nie beschäftigt. Denn gehandelt werden darf nur, was einen realen Gegenwert hat.

Trotz dieser Einschränkungen lockt der Koran-Kapitalismus längst nicht mehr nur arabische Geldhäuser. 300 islamische Finanzinstitute gibt es mittlerweile weltweit, die meisten operieren von Singapur, der arabischen Halbinsel und Mauritius aus. Der weltweite Branchenverband IFIBAF schätzt das globale Potenzial mittelfristig auf vier Billionen Dollar. Deswegen steigen auch immer mehr westliche Anbieter in das Geschäft ein. In London gibt es bereits fünf islamische Banken. Große Häuser wie HSBC und vor allem die Deutsche Bank bieten in islamisch dominierten Ländern eine eigene Produktpalette an. Die Frankfurter gelten unter westlichen Banken auf der arabischen Halbinsel als Vorreiter in der Nische. Und selbst das Bundesland Sachsen-Anhalt hat eine islamkonforme Anleihe, eine sogenannte Sukuk, über 100 Mio. Euro herausgegeben. „Der Markt für islamische Finanzierungen wird ein Gewinner der Finanzkrise sein“, sagt Rüdiger Litten, Partner bei der auf die Beratung von Finanzdienstleistern spezialisierten Kanzlei Norton Rose.

Allerdings beinhaltet das fromme Finanzgeschäft einige Fallstricke. Vor allem die unterschiedlichen Islaminterpretationen bereiten Probleme. Schließlich gibt es unzählige Auslegungen der heiligen Schrift, die je nach Region, Glaubensrichtung und Glaubenstreue stark voneinander abweichen. Einheitliche Werte und Autoritäten, wie etwa in den christlichen Kirchen, gibt es nicht. Um dem Anspruch gerecht zu werden, übertragen die Banken die religiöse Überwachung ihrer Produkte einem eigenständigen Board. Das sind Gremien mit Islamgelehrten, die die jahrhundertealten Korantexte auslegen und danach entscheiden, was verboten („haram“) und was erlaubt („halal“) ist.

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