Händler wirbt mit Minuszinsen
Neues Phänomen oder Marketing-Gag?

Endlich scheinen die negativen Zinsen der Europäischen Zentralbank auch beim Konsumenten anzukommen. Der Möbelhändler „Who's perfect“ wirbt mit einer Minus-Ein-Prozent-Finanzierung. Was wirklich dahinter steckt.
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FrankfurtManche Düsseldorfer trauten wohl am Wochenende ihren Augen nicht. Mit einem Aufsteller in der Immermannstraße wirbt der Möbelhändler „Who's perfect“ mit einer Minus-Ein-Prozent-Finanzierung. Auch im Internet wird die Aktion angepriesen. Wer eine neue Einrichtung auf Pump kauft, muss dafür keine Zinsen zahlen, sondern bekommt sogar noch Geld geschenkt. Als Anlass nennt das Unternehmen das 20-jährige Firmenjubiläum. Der Zinssatz soll im gesamten April als Hingucker dienen.

Negative Kreditzinsen – ein Traum für alle Konsumenten. Wird er jetzt endlich wahr? Während die Banken aufgrund der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank derzeit die Sparzinsen auf ein Minimum schrumpfen und sogar über Strafzinsen nachdenken, sinken die Kreditzinsen kaum. Und das, obwohl die Banken selbst derzeit für bis zu minus 0,4 Prozent Geld bei der EZB aufnehmen können, wenn sie es dann als Darlehen ausreichen.

Die Minuszinsen an die Kreditnehmer weiterzureichen widerspricht zumindest der Tradition. Der Bankenfachverband, ein Zusammenschluss deutscher Verbraucher-Finanzierer, schreibt auf seiner Homepage zu einem „Kodex Verantwortungsvolle Kreditvergabe“: „Das geliehene Geld muss der Kunde in der Regel in festgelegten Fristen und mit Zinsen an die Bank zurückzahlen.“ In der Vergangenheit hatten einzelne Fälle von Krediten mit negativem Zins Schlagzeilen gemacht, etwa bei einem dreijährigen Darlehen in Dänemark.

Kommt jetzt auch in Deutschland der Durchbruch? Der vermittelte Verbraucherkredit stammt von der Santander Consumer Bank, einem der größten Konsumentenfinanzierer in Deutschland. Beim Blick in die Angebotsdetails zeigt sich: Es handelt sich in Wahrheit um eine Nullprozent-Finanzierung mit 24 Monaten Laufzeit. Der augenfällige Minuszins von „Who’s perfect“ wird vom Unternehmen als einprozentige Erstattung des Kaufpreises nach Auslieferung der Ware ausgezahlt. Das heißt im Klartext: Das Minus vor dem Zins ist in Wahrheit eine Prämie in Höhe einem Prozent des Kaufpreises, die durch den Händler gewährt wird – und nicht durch die Bank. Doch wer kann schon Kunden damit locken, dass etwas ein Prozent billiger ist? Der Negativzins erregt schlicht mehr Aufmerksamkeit.

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Kaufpreis-Discount ist nicht unüblich

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  • Die Kunden werden hierzulande auch immer dümmer.

    "Cashback" nennt es sich und das gab's, in Amerika, schon vor 30 Jahren.

    Buy a new car (natürlich über Kredit finanziert), get a vacation for free, hieß es.

    Daß der Urlaub gleich mitfinanziert wurde, haben damals schon viele nicht kapiert.

  • Die Kommentarfunktion wurde fuer ein Moebelhaus aktiviert! Ihr vom HB traut Euch ganz schoen weit vor, Respekt.

  •  Offensichtlich ist der ökonomische Verstand bei österreichischen Wirtschaftszeitungen noch nicht so vollständig versumpft wie bei den deutschen Pendants (das ist ja auch durchaus verständlich: selbst, wenn auch diese heute nur noch wenig Gedankengut ihrer Landsleute, der großen "Austrians" vermitteln, so sind sie damit der fast überall sonst publizierten Mainstream-Ökonomik immer noch haushoch überlegen).
    Dass wir tatsächlich von Idioten regiert und unsere Zukunft von totalen Blindgängern bei den Zentralbanken (u.a. mit solchen "Negativzinsen") gegen die Wand gefahren wird, wird man in der deutschen Presse daher auch kaum zu lesen bekommen:
    "Vor langer Zeit habe ich Zinsen für mein Erspartes bekommen, als Ausgleich für die unbekannte Zukunft. Jetzt gibt es in Teilen der Welt Negativzinsen, was bedeutet, die Zukunft ist sicherer als die Gegenwart. Was natürlich ein kompletter Blödsinn ist...
    Außerdem richtet sich jeder Unternehmer nach Preisen, die durch die Zinsen und Wechselkurse definiert werden. Wenn diese zwei Komponenten manipuliert sind, wie es derzeit der Fall ist, sind die Preise falsch, kein Unternehmer kann deshalb rationale, langfristige Entscheidungen treffen. Was macht er? Er hortet Cash. Die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes nimmt ab, eine massive Deflation kann die Folge sein."
    http://wirtschaftsblatt.at/home/boerse/europa/4963491/Wir-werden-von-Idioten-regiert?_vl_backlink=/home/index.do
    Absolut richtig. Aber anstatt einzusehen, dass ihre eigenen Manipulationen z.B. eben auch ursächlich verantwortlich sind für den Einbruch der Geld-Umlaufgeschwindigkeit (mit resultierender deflationärer Wirkung), denken diese blingängerischen Makroklempner allen Ernstes über "Helikoptergeld" nach.
    Dabei gibt es eine ganz einfache Korrelation: je mehr sich die Zentralbanken in den freien Markt einmischen, umso größeren Schaden fügen sie der Wirtschaft zu. Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“ http://www.handelsblatt.com/netiquette 

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