Institute haben Angst vor neuer Prozesswelle Aus Bankern werden Kläger

„Früher wurden Mitarbeiter am Freitag gefeuert, und am Montag hatten sie einen neuen Job in der City“, erzählt Catrina Smith, Partnerin für Arbeitsrecht bei der Kanzlei Linklaters. Damals hätten Ressentiments und böse Stimmung gar nicht erst aufkommen können. Das ist heute anders: Die Londoner Banker werden immer klagefreudiger. Immer häufiger gehen sie mit juristischen Mitteln gegen ihre Ex-Arbeitgeber vor. Grund: Die schlechte Jobsituation und verbesserte Rechte für Arbeitnehmer.
  • Felix Schönauer (Handelsblatt)

LONDON. Wer heute ein lukratives Engagement verliere, bleibe möglicherweise lange arbeitslos, erläutert Smith. Deshalb sei er auch eher bereit, gegen seinen Ex-Arbeitgeber vorzugehen, gerade wenn er sich schlecht behandelt fühle. Eine ähnliche Meinung vertritt Fraser Younson, einer der Gründer der britischen Vereinigung für Arbeitsrechtler und derzeit deren Vizepräsident. „Vor allem gestandene Senior Banker haben eine Familie und müssen ihre Häuser abbezahlen. Wenn diese Leute auf einmal gekündigt werden, haben sie nichts mehr zu verlieren“, sagt er.

Die Aussagen fallen vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklung in London. Auf der Bankenmeile nährt die zweite hochkarätige Klage gegen ein City-Institut Ängste, dass eine neue teure und imageschädigende Prozesswelle gegen das Verhalten und die Geschäftspraktiken der Banken und Broker droht. Nach dem jüngsten Urteil gegen die britische Tochter der US-Bank Cantor Fitzgerald steht nun ein Broker im Kreuzfeuer der Kritik. Der ehemalige Analyst James Middleweek verklagt die Firma Collins Stewart und wirft ihr zudem unzulässige Geschäftspraktiken vor – angebliche Manipulationen des eigenen Aktienkurses, fehlende Abschirmung zwischen Handelsraum und Analysten sowie das Begleiten unreifer Firmen an den Kapitalmarkt. Die Konkurrenten verfolgen die Entwicklung gespannt. Zum einen stellen die Vorwürfe herrschende Geschäftspraktiken in Frage. Zum anderen erkennen die Verantwortlichen, dass Arbeitnehmer ihre Rechte viel stärker wahrnehmen als früher. „Angestellte haben heute eine Reihe von gesetzlichen Möglichkeiten, die sie früher nicht hatten“, sagt Catrina Smith.

Das fängt damit an, dass Mitarbeiter heute bereits nach einem Jahr Zugehörigkeit zu einer Firma diese wegen „grundloser Entlassung“ verklagen können. Früher mussten sie mindestens zwei Jahre angestellt sein. Außerdem hat die Zahl der lukrativen Klagegründe zugenommen: Waren früher Auszahlungen bei gewonnenen Verfahren wegen „grundloser Entlassung“ auf gut 55 000 Pfund (rund 80 000 €) begrenzt, so wurde oder wird diese Grenze inzwischen oft aufgehoben. Bei Arbeitsunfähigkeit und Geschlechts- oder Rassendiskriminierung sind Auszahlungen schon jetzt unlimitiert, in nächster Zeit fallen wohl auch die Schranken bei religiösen Motiven, sexueller Orientierung und Kündigungen aus Altersgründen.

Auch wer seinem Arbeitgeber Fehlverhalten im täglichen Geschäft nachweist, hat seit 1998 mehr zu erwarten. Das Risiko für die Arbeitnehmer, auch bei einem gewonnenen Rechtsstreit schlechtere Karten für einen neuen Job in der City zu haben, schätzt Smith als gering ein. „Probleme gibt es für Ex-Mitarbeiter nur, wenn sich eine Klage als komplett unbegründet herausstellt.“

Dennoch erscheint die Situation in gewisser Weise paradox. Gegenüber den „wilden“ 80er Jahren und der damals weit verbreiteten Herrenkultur in der City hat sich die Situation deutlich verändert, sagt Smith. „Firmen nehmen Mitarbeiter wesentlich ernster als früher.“ Die Institute stehen jedoch vor gleich zwei Problemen. Einigen sie sich mit unzufriedenen Mitarbeitern außergerichtlich auf eine Abfindung, ermutigen sie möglicherweise andere zu einem ähnlichen Verhalten. Außerdem wirkt es merkwürdig, Ehemaligen eine hohe Abfindung zuzugestehen, wenn gleichzeitig Entlassungswellen durch die gleiche Firma rollen.

Von einer Strategie wie sie der Broker Collins Stewart derzeit fährt, der im Fall des klagenden Analysten wiederum eine Zeitung vor den Kadi zerren will, rät die Arbeitsrechtlerin allerdings ab: „Die Medien sind nur die Übermittler. Wichtiger dürfte es sein, den Fall zu gewinnen.“

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