Interview Lehman-Chef warnt vor weiteren großen Bankpleiten

Der Chef von Lehman Brothers hat schwere Vorwürfe gegen die Finanzindustrie, die Politik und die Aufseher erhoben. Im Interview mit dem Handelsblatt wettert Bryan Marsal gegen Finanzindustrie, Politik und Aufseher und warnt vor weiteren Mega-Bankpleiten.
  • Sonia Shinde
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Ein Lehman-Banker nimmt am 15. September 2008 seine Sachen und verlässt das bankrotte Institut. Um das, was übrig blieb wird heute gestritten. Quelle: Reuters

Ein Lehman-Banker nimmt am 15. September 2008 seine Sachen und verlässt das bankrotte Institut. Um das, was übrig blieb wird heute gestritten.

(Foto: Reuters)

FRANKFURT. Es sei „höchstwahrscheinlich, dass ein Fall Lehman sich wiederholen wird“, sagte Marsal dem Handelsblatt am Rande des Deutschen Insolvenzrechtstages in Berlin. „Die Wall Street hat nicht wirklich viel aus dem Fall gelernt.“ Die Banken setzten nach wie vor zu große Hebel ein. Das heißt, sie gehen mit zu wenig Eigenkapital zu große Risiken ein. Der Markt für Kreditversicherungen sei immer noch vollkommen unreguliert.

„Auch bei Aufsehern und in den Unternehmen hat sich nach der weltweiten Katastrophe wenig getan“, sagte der Lehman-Chef. „Und bisher hat auch noch niemand von der Finanzaufsicht SEC, der Einlagensicherung FDIC oder der Regierung bei uns angefragt, wie der Lehman-Kollaps hätte vermieden werden können und welche Gegenmaßnahmen zu ergreifen wären, um eine Wiederholung zu verhindern.“

Dass die Finanzaufseher weltweit die Zügel anziehen, sieht Marsal kritisch. „Das ist doch nur Show. Die Aufseher sind überarbeitet und unterbezahlt. Jemand, der 80 000 Dollar im Jahr verdient, kann nicht ernsthaft mit jemandem konkurrieren, der 400 000 im Jahr dafür bekommt, Wege zu finden, das System auszuhebeln“, sagte er.

Marsal wickelt die US-Investmentbank Lehman Brothers ab. Ihre Pleite am 15. September 2008 hatte die Finanzmärkte in ihren Grundfesten erschüttert und eine weltweite Krise ausgelöst.

Weniger Schulden als angenommen

Lehman Brothers hat unterdessen weniger Schulden als angenommen. "Die Gesamtverbindlichkeiten belaufen sich auf 200 bis 240 Mrd. Dollar", so Marsal. Dabei handele es sich um unbesicherte Forderungen. Ursprünglich hatten die Gläubiger weltweit Forderungen in Höhe von rund einer Billion Dollar angemeldet.

"Doch das waren vor allem doppelt und dreifache Anmeldungen", sagte Marsal. Gläubiger hätten zum Beispiel ihre Forderungen an die Lehman-Tochter gestellt, mit der sie das Geschäft gemacht hätten, an die Muttergesellschaft, die für die Tochter garantiert habe und an denjenigen der das Geschäft abgesichert habe. "Aber wenn Sie mir einen Dollar leihen und ich ihrer Mutter, ihrem Vater und ihrer Schwester eine Garantie gebe, dass ich Ihnen ihr Geld wieder gebe, dann schulde ich Ihnen nach wie vor einen einzigen Dollar und nicht vier."

Lehman Brothers hatte zum Zeitpunkt der Insolvenz Vermögen von rund 651 Mrd. Dollar. Marsal entscheidet, welche Ansprüche der Gläubiger weltweit berechtigt sind. Darüber verhandelt er mit ihnen und den Insolvenzverwaltern der mehr als 900 Tochtergesellschaften, die wiederum eigene Insolvenzverfahren durchführen. Viele Gläubiger haben deshalb ihre Forderungen offenbar mehrfach gestellt.

Vergangene Woche legte Marsal einen Insolvenzplan vor. In ihm ist etwa festgelegt, welchen Rang die Forderungen der Gläubiger haben. Die jeweiligen Insolvenzverwalter oder Gläubiger müssen dem Plan jedoch zustimmen. Stimmen sie nicht zu, entscheiden die Gerichte.

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8 Kommentare zu "Interview: Lehman-Chef warnt vor weiteren großen Bankpleiten"

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  • Guten Tag,
    kann es sein das sich hier bei der Übersetzung ein Fehler eingeschlichen hat? Die 39 billionen Dollar kommen mir sehr unrealistisch vor. 2006 lag das Welt biP bei ca. 46,66 billionen USD.
    Die US-billion entspricht im deutschen der Milliarde.

    Viele Grüße,
    Marcel Janus

  • Die Welt ist voll von Eseln, denen es zu wohl geworden ist und aufs Eis gegangen sind.
    Jetzt brechen sie ein.
    Es gibt aber leider weniger Helfer, als Esel auf dem Eis, drum kann nicht mehr allen geholfen werden. Also, hilft nur eines- helft euch alle selbst.
    ihr wurdet alle gewarnt.
    ihr wolltet nicht hören,
    niemand sollte stören.
    ihr wolltet alle den "Kick",
    jetzt kommt der "Knick"!
    Aber knüppeldick.

  • ich fände es Weltklasse wenn sich ein Schreiberling vom Hb mal dem Fall bankraub WAMU durch JPM zuwenden würde, nicht immer nur Lehman. Das ganze ist im Moment spannender als ein Krimi!

  • Die Region der nächsten grossen bankenpleite lässt sich bereits heute unschwer eingrenzen. Voraussetzung hierfür ist, dass wenig reguliert wird und der Staat bereits hochverschuldet ist. Ein Musterkanditat hierfür ist England. Wen es genau trifft und wann es soweit ist, lässt sich noch nicht abschätzen. bei der ausgeprägten Wettleidenschaft auf der insel können mit Sicherheit bereits Gebote auf das kommende Desaster abgegeben werden...

  • Seien wir doch mal ehrlich, solange nicht wirklich und mit dem tatsächlichen Willen für Veränderung massiv reguliert wird, wird sich rein gar nichts ändern. investmentbanken werden weiterhin mit sehr wenig Eigenkapital die maximale Rendite anstreben. Dies gelingt wieder eine Weile, bis die Gier das Hirn restlos aufgefressen hat, und anschließend ist das Gejammer wieder groß. Aber eben nicht bei den Verursachern selbst, denn der Staat - in Form von uns Steuerzahlern - wird die Verluste, die die Herren Zocker machen, wieder schön sozialisieren. Und so spielen wir das Spiel auch die nächsten 15 Jahre weiter, bis zum Ende des Kapitalismus in seiner jetzigen Form...
    Gute Nacht

  • Natürlich wird es weiter bankenpleiten geben.
    ist doch nichts neues.
    Es ist geplant das gegenwärtige Finanzsystem an die Wand zu fahren - muss es ausserdem sowieso wgen dem Zinseffekt.
    Und die bevölkerung wird wieder mal enteignet, verarmt und noch abhängiger gemacht.
    Aber das haben sich die schlafenden Schafe wohl so verdient......

  • Das dazugehörige bild wurde 2008 gemacht und nicht 2009. Oder würde ein Mitarbeiter genau ein Jahr nachdem seine bank Pleite ist sein büro ausräumen :-)

  • Hauptsache die sitzen auf den trockenen, die die Fäden ziehen und dafür jeden kopf kaufen, den sie
    dafür brauchen. So funktioniert das System ja wohl!
    Treffen sich zwei Männer, beide haben nix, sagt der eine zum anderen, bau mir ein Haus, was bekomm ich dafür? Ein Stück Papier, dass nennt sich Geld. Der eine Mann baute dem mehrere Häuser und bekam dafür, Papiergeld. Der mann der das Papiergeld hatte, hatte sich auf Vorrat schon sehr, sehr, sehr viel Papier gedruckt, denn er wollte die ganze Welt kaufen, mit Papier.

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