Interview Martin Blessing
„Die Politik hat ihre Versprechen nicht erfüllt“

Commerzbank-Chef Martin Blessing erklärt im Interview, warum Nationalstaaten Souveränität abgeben sollten, wie der Euro gerettet werden kann - und dass er nicht immer ein deutscher Purist ist.
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Handelsblatt: Herr Blessing, nach einer aktuellen Meinungsumfrage haben nur noch 17 Prozent der Deutschen Vertrauen in den Euro. Gehören Sie zur Minderheit der Optimisten oder zur Mehrheit?

Martin Blessing: Ich glaube, dass der Euro und die europäische Integration richtig sind. Wir müssen jetzt nur daran arbeiten, um die Geburtsfehler des Euros glattzuziehen.

Sind Sie so optimistisch, dass Sie ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone oder den Austritt einzelner Mitgliedstaaten ausschließen würden?

Das halte ich weder für die wahrscheinlichste noch für die sinnvollste Option. Das heißt nicht, dass es ausgeschlossen ist. Notwendig ist, die ungelösten Probleme der Währungsunion in den Griff zu bekommen.

Was muss die Politik tun?

Vor der Einführung des Euros diskutierten die Regierungschefs in Europa, ob erst die Politische Union und dann der Euro kommen soll oder umgekehrt. Man hat sich dafür entschieden, mit dem Euro zu beginnen und hat das Thema Politische Union schleifen lassen. Nun sehen wir, dass eine Währung mit 17 Haushaltspolitiken nicht funktioniert. Da haben wir dann zwei Möglichkeiten: Entweder harmonisieren wir unsere Fiskalpolitik, oder wir sagen, der Euro war ein interessantes Experiment, das aber nicht funktioniert hat. Dann sollte man ihn besser früher als später abwickeln. Ich halte es aber für richtig, Europa weiter zusammenzuschweißen.

Aber wie realistisch ist es, dass die nationalen Regierungen in den nächsten Jahren so viele Kompetenzen abgeben und am Ende kaum mehr was zu sagen haben?

Fiskalunion bedeutet ja nicht, dass nationale Regierungen nichts mehr zu sagen hätten. Der hessische oder bayerische Finanzminister kann über sein Budget schließlich auch verfügen – und eine Kommune in einem gewissen Rahmen ebenso. Es kann einer Kommune, die nicht ökonomisch wirtschaftet, aber passieren, dass sie unter eine Art Zwangsverwaltung gestellt wird. Solche Eingriffe müsste es in Europa dann auch geben.

Und wenn die Bürger das nicht wollen?

Dann müssen die Leute auch so ehrlich sein und sagen, dass sie die einheitliche Währung nicht wollen. Die aktuelle Debatte in Deutschland ist doch weder offen noch fair. Wir wollen den Kuchen essen und ihn gleichzeitig behalten. Wir wollen den Euro, aber wir wollen seine Konsequenzen nicht. In Italien und Spanien läuft es genauso: Alle sagen, der Euro hat riesige Vorteile, aber die Nachteile wie Haushaltsdisziplin will man nicht in Kauf nehmen. Das geht aber nicht.

Können Sie nachvollziehen, dass viele Deutschen Sorge haben, dass die Belastungen für diese europäische Idee für sie als Steuerzahler unüberschaubar werden?

Ich verstehe die Sorgen. Aber man muss sich umgekehrt auch die Frage stellen, wie groß die Not sein wird, wenn die Währung auseinanderbricht – und ob wir diese Folgen überhaupt richtig verstehen. Natürlich sind die Probleme komplex, aber sie sind nicht verschwunden, wenn man sich die Hände vor die Augen hält.

Dennoch, die Einführung einer Fiskalunion würde Jahre dauern.

In dieser Zeit kann es dann auch turbulent an den Finanzmärkten werden. Das ist der Preis für die Vollendung der Währungsunion. Ich halte das für akzeptabel.

Kommentare zu " Interview Martin Blessing: „Die Politik hat ihre Versprechen nicht erfüllt“"

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  • @adolf
    Goebel? Wer ist bitte Goebel? Nie davon gehört, ist mir nicht bekannt. Sie haben schon gestern abend so merkwürdige Dinge geschrieben, sollte da noch Restalkohol im Spiel sein?

  • Sie tun es auch nicht Hr. Blessing, wo - verdammt noch mal - liegt da also der Unterschied? Ich weiss: Ihnen wird geholfen, egal wie groß der Mist ist, den Sie verursachen oder daherreden. Einfach nur unerträglich.

  • Wenn die Euroländer zweifelsfrei erklärt hätten, für die Schulden untereinander nicht eintreten,wäre es Griechenland und den anderen PIIGS-Staaten nicht gelungen, sich derartig hoch zu verschulden. Dieser Fehler lässt sich jetzt noch korrigieren, indem Griechenland die teilweise Zahlungsunfähigkeit erklärt bzw. die Gläubiger zum hälftigen Schuldenverzicht auffordert. Die daraus entstehenden Verwerfungen für das Finanzsystem sind nicht teurer als das Geld das in das zeitlose Fass ohne Boden geworfen wird. Dann herrscht Klarheit und Griechenland kann mit großzügigen Investitionsprogrammen der EU wieder auf die Beine geholfen werden.

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