Interview mit Friedrich von Metzler: „Der Nachholbedarf ist riesig“

Interview mit Friedrich von Metzler
„Der Nachholbedarf ist riesig“

Im Handelsblatt-Interview spricht Friedrich von Metzler, Privatbankier und Aufsichtsrat der Deutschen Börse, über den Umbau der deutschen Wirtschaft. Dazu erklärt er die Notwendigkeit von Börsenfunktionen und die glänzenden Aussichten für Finanzdienstleister.

Handelsblatt: Herr von Metzler, ein Blick auf den heimischen Kapitalmarkt, auf Immobilienfonds und Banken zeigt deutlich: Deutschland ist ein Entwicklungsland. Wie geht es am Finanzplatz weiter?

Friedrich von Metzler: Nun einmal langsam. Das von Ihnen gezeichnete Bild ist schwarz in schwarz. Das stimmt nicht. Es hat sich in den vergangenen Monaten und Jahren viel bewegt. Deutschland befindet sich mitten in einem wirtschaftlichen Aufbruch. Ein Aufbruch, der von der neuen Regierung maßgeblich angestoßen wurde, da sie Verlässlichkeit verheißt. Klar ist: Wir haben in Deutschland große Wachstumschancen, die aus einem riesigen Nachholbedarf der Wirtschaft stammen. Diese ist dabei, sich komplett umzustrukturieren. Daneben wird der Umbau der Sozialsysteme dem Kapitalmarkt große Impulse geben. Dabei steht der Dienstleistungssektor ganz vorne und damit auch die Finanzindustrie.

Ist das nicht zu viel des Guten? Nehmen Sie das Beispiel Deutsche Börse. Dem heimischen Finanzplatz fehlt immer noch die Internationalität.

Klar, die geplante und leider geplatzte Fusion der Deutschen Börse mit dem Wettbewerber in London hätte uns weit vorangebracht und einen weltweit sichtbaren europäischen Finanzplatz geschaffen, an dem amerikanische und asiatische Investoren zusätzliche Milliarden angelegt hätten. Das fehlt heute und damit die Liquidität am Kapitalmarkt. Darunter leidet die heimische Industrie. Die großen internationalen Fonds investieren angesichts der Situation tendenziell zu wenig in Aktien deutscher Unternehmen. Für Anleger wie den US-Pensionsfonds Calpers ist Europa als Gesamtmarkt zu fragmentiert. Und ohne diese großen internationalen Marktteilnehmer bleiben deutsche Unternehmen zu niedrig bewertet. Damit sind sie auch im internationalen Vergleich zu billig und angreifbar.

Warum brauchen deutsche Unternehmen dringend ausländisches Geld?

Um Wachstum zu finanzieren. Bei uns in Deutschland herrscht noch immer Eigenkapitalknappheit, gerade im Mittelstand. Der Fehler vieler Unternehmen ist es, nicht an der Börse zu sein. Wenn jedoch das richtige Umfeld am Aktienmarkt herrschen würde, wäre das Geld für Wachstum vorhanden. Die Unternehmen könnten problemlos Firmen zu- und Beteiligungen aufkaufen. Auch die Deutsche Börse selbst hätte ihr Wachstum nicht finanzieren können, ohne an die Börse zu gehen.

Was schlagen Sie als Aufsichtsratsmitglied vor, damit es bei der Deutschen Börse vorangeht?

Der große Wurf mit der Fusion Frankfurt-London ist zwar nicht gelungen, aber es gibt noch andere Chancen. Der neue Börsenchef Reto Francioni besitzt weltweit ausgezeichnete Kontakte. Deshalb sollte es gelingen, neue Partnerschaften in Nordamerika und Europa aufzubauen. Außerdem müssen wir uns Asien ansehen. In Schanghai läuft bereits unser Wertpapierhandelssystem Xetra, weitere Lizenzen sollten folgen. Wir sind offen für jedes Gespräch.

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