Interview mit Paul Donovan
„Für die AfD ist die Medienaufmerksamkeit ein Grund für ihre Stärke“

Paul Donovan, Chefökonom der UBS-Vermögensverwaltung, über die Bundestagswahl und deren Einfluss auf die Finanzmärkte, den Einzug der AfD ins Parlament und die Auswirkungen einer möglichen Jamaika-Koalition.
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FrankfurtVom 39. Stock der Frankfurter UBS-Zentrale hat man einen schönen Blick auf die Stadt. Über Frankfurt hängt noch ein spätsommerlicher Dunst, als Paul Donovan den Besprechungsraum betritt. Der Brite ist Chefökonom der globalen Vermögensverwaltung bei der Schweizer Investmentbank UBS. Thema des Gesprächs ist der Ausgang der Bundestagswahl. Erstmals seit 1949 hat es eine rechtspopulistische Partei in den Bundestag geschafft. Ökonom Donovan sieht darin eine große Herausforderung für Deutschland und Europa.

Hat Sie das Ergebnis der Bundestagswahl überrascht?
Ich hatte erwartet, dass die AfD die dritte Kraft im Bundestag sein wird. Allerdings war die Zahl der AfD-Wähler im Osten Deutschlands unerwartet hoch. Überraschend für die Märkte war der schnelle Entschluss der SPD, in die Opposition gehen zu wollen.

Ist die SPD als mögliche Oppositionspartei in der Lage, der AfD den Wind aus den Segeln zu nehmen?
Die SPD wäre im Bundestag Oppositionsführer und in dieser Rolle könnte sie das Profil der AfD schwächen, weil sie in der Lage wäre, die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zu ziehen. Für Anti-Establishment-Parteien wie die AfD ist die Medienaufmerksamkeit ein Grund für ihre Stärke. Ähnliches konnten wir bereits vor und nach dem Brexit in Großbritannien und während der Präsidentschaftswahlen in den USA sehen. Parteien sind sehr geschickt darin, ihre Unterstützer über die Medien zu gewinnen.

Welche Koalition erwarten Sie? Ist Jamaika die einzige Option oder könnte es sogar zu Neuwahlen kommen?
Es wird sehr wahrscheinlich eine Jamaika-Koalition zustande kommen. Die Parteien verfolgen sehr unterschiedliche Ziele, – in der Verteidigungs-, der Umwelt- und der Europapolitik – weswegen die CDU, die FDP und die Grünen in den kommenden Monaten intensive Gespräche führen werden. Einfach wird es nicht, aber sie werden Kompromisse eingehen müssen. Denn Neuwahlen würden meiner Meinung nach nicht viel an dem jetzigen Ergebnis ändern, selbst wenn die AfD zwei Prozent hinzugewinnen oder verlieren würde.

Was würde eine solche Jamaika-Koalition für die Wirtschaft bedeuten?
Zunächst einmal nicht viel. Denn Politiker sind für die Märkte nicht so wichtig sind, wie es teilweise scheint – zumindest kurzfristig. Denn da sind für die Konjunktur zwei Dinge entscheidend: Die Arbeitslosigkeit und die Inflation. Politiker haben auf diese beiden Faktoren nur einen sehr geringen Einfluss. Was Politiker und damit auch das Ergebnis der Bundestagswahl auslösen können, sind langfristige Trends.

Welche Trends erwarten Sie von einer Jamaika-Koalition?
Deutschlands Europa-Politik könnte sich durch eine solche Koalition verändern. Es gilt, drängende Fragen bezüglich einer möglichen Banken- und Fiskalunion zu klären. Außerdem muss die deutsche Regierung entscheiden, ob sie Emmanuel Macrons Vision eines neuen vereinigten Europas unterstützen will oder nicht.

Worauf wird die deutsche Politik zusteuern? Werden wir in vier Jahren eine noch stärkere AfD oder ein Wiedererstarken der großen Parteien CDU und SPD sehen?
Das wird stark von der Wahrnehmung der sozialen Ungleichheit und von der Europäischen Union abhängen. Wenn die europäische Integration gelingt und erkennbar wird, – auch für die Menschen in Ostdeutschland – dass sie den Mitgliedsstaaten mehr nützt als sie belastet, könnten die etablierten Parteien wieder an Zustimmung gewinnen.

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