Interview mit Sir Michael Rake Rake: „Der Staat kriegt sein Geld zurück“

Der britische Multi-Aufsichtsrat Sir Michael Rake lobt das Krisenmanagement der Kontinentaleuropäer, kritisiert die derzeitige Diskussion über eine Begrenzung von Managergehältern und plädiert für einen Beitritt Großbritanniens zum Euro.
Sir Michael Rake lobt die Europäische Zentralbank. Quelle: dpa

Sir Michael Rake lobt die Europäische Zentralbank.

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Handelsblatt: Sir Michael, die Bewältigung der Rezession hat große wirtschaftspolitische Differenzen zwischen Großbritannien und dem Rest Europas erkennen lassen. Hat die Euro-Zone zu langsam auf die Krise reagiert?

Rake: Im Gegenteil, die Europäische Zentralbank hat unter den großen Notenbanken in der Krise die beste Arbeit geleistet. Ich weiß, dass sie von vielen Seiten kritisiert worden ist, weil sie nicht schnell genug die Zinsen heruntergefahren habe. Aber ich finde, dass sie sehr verantwortlich gehandelt hat.

Wie sehen Sie die Fiskalpolitik der Regierungen der Euro-Zone? Sie haben doch lange mit Konjunkturprogrammen gezögert.

Die Banken waren Ende 2008 in einer schrecklichen Situation. Man kann nicht einfach einen Schalter umlegen, und es ist wieder Liquidität im System. Darum war es richtig, dass die Regierungen der Euro-Zone auf die Wirkung der Liquiditätshilfen gewartet haben, bevor sie fiskalische Anreize nachlegten. Man muss Geduld aufbringen. Die Senkung der Mehrwertsteuer Anfang des Jahres in Großbritannien hat doch gar nichts gebracht. In Deutschland hingegen war die Abwrackprämie ein großer Erfolg. Fiskalische Impulse müssen gut durchdacht sein.

Das klingt ungewohnt aus dem Munde eines britischen Wirtschaftslenkers. Vom Kontinent lernen heißt also siegen lernen?

Ich habe seit vielen Jahren gesagt, dass ungebremster Kapitalismus kein nachhaltiges System ist. Wenn sie Wohlstand nur für wenige produzieren, dann ist das nicht haltbar. Kontinentale Systeme waren aber historisch zu sozialistisch, es fehlte ihnen an jeder Flexibilität. Es kommt darauf an, die richtige Balance zu finden. In den USA und in Großbritannien hat zuletzt der Gierfaktor eine zu große Rolle gespielt.

Sie empfehlen also den Briten, sich Richtung rheinischer Kapitalismus zu entwickeln?

Der konservativere Umgang mit Schulden, sowohl was die Haushalte als auch was die Unternehmen anbelangt, hat Kontinentaleuropa gut gedient. Da gibt es für uns hier sicherlich Lektionen zu lernen. Aber andererseits: Ist es nachhaltig, Staatsanteile von 40 bis 45 Prozent an der Wirtschaftsleistung zu haben oder, wie in Frankreich, jeden zweiten Beschäftigten direkt oder indirekt im öffentlichen Sektor arbeiten zu lassen? Wozu führt das? Wir müssen uns alle zusammen Gedanken darüber machen, wie der Kapitalismus in Zukunft funktionieren soll. Schließlich leiden jetzt am meisten diejenigen unter der Krise, die am wenigsten dafürkönnen.

Das scheint auch auf nationaler Ebene zu gelten: Deutschland leidet mehr als Länder, in denen die Finanzkrise ihren Ursprung nahm.

Das ist nicht korrekt. Die USA und Großbritannien leiden viel mehr als die meisten Länder in Kontinentaleuropa. Die Menschen hier verlieren ihre Arbeitsplätze viel schneller. Unsere Wirtschaft ist flexibler, also reagiert sie schneller. Das gilt vor allem für die US-Wirtschaft, die viel anpassungsfähiger ist als die der Euro-Zone. Wir sollten hoffen, dass das auch diesmal so ist, denn bevor sich die USA nicht erholen, wird es auch die globale Wirtschaft nicht tun.

Aber verstehen Sie die Wut der Europäer, nun die Exzesse der angelsächsischen Finanzszene ausbaden zu müssen?

Es gibt keinen Zweifel daran, dass die US-Geldpolitik während der Bush-Jahre zu viel billiges Geld bereitgestellt hat, aber wir dürfen nicht vergessen, dass jeder bei der Party mitgemacht hat. Solange alles gut lief, waren die deutschen und französischen Banken doch fröhlich dabei, Subprime-Papiere und ähnliche Instrumente zu kaufen. Einige Reaktionen kontinentaleuropäischer Politiker auf die Finanzkrise sind enorm populistisch gewesen und basierten nicht auf einer wohlüberlegten Analyse.

Führt die Wirtschaftskrise in Großbritannien zu einem neuen Nachdenken über den Euro?

Da fragen sie den Falschen. Ich habe von Anfang an dafür argumentiert, dass Großbritannien einmal dem Euro beitreten sollte. Leider ist der Prozess von der britischen Presse derart politisiert worden, dass es kurzfristig keine Chance gibt, dass die Bürger einen Euro-Beitritt unterstützen würden. Ich vermute aber, dass wir innerhalb von zehn Jahren neu darüber nachdenken werden. Kurzfristig mögen Unternehmen vom schwachen Pfund profitieren, aber langfristig brauchen sie Planungssicherheit. Der Euro ist ein großer Erfolg, aber das Pfund ist in der heutigen globalen Wirtschaft keine wichtige Währung mehr. Wenn wir nicht aufpassen, geht es uns in der nächsten Finanzkrise wie Island.

Mit dem wahrscheinlichen Wahlsieg der europafeindlichen Konservativen dürften die Beziehungen zur EU aber doch auf einen neuen Tiefpunkt sinken.

Ich bin persönlich sehr dagegen, wie die Parteien und die Presse hierzulande die EU als politischen Fußball benutzen. Ich habe den Eindruck, dass die antieuropäische Rhetorik der Konservativen in letzter Zeit etwas nachgelassen hat. Ich hoffe, dass sie nach einem Wahlsieg pragmatisch genug sind, zu erkennen, was die EU für uns, für unsere Wirtschaft und die Sicherheit und Stabilität in Europa geleistet hat.

Auf jeden Fall werden die Konservativen einen maroden Staatshaushalt und ein beachtliches Portfolio an Bankenbeteiligungen erben. Wie kommen sie da mit Anstand wieder raus?

Wenn der Staat die Banken jetzt ordentlich managt, dann wird er all sein Geld zurückbekommen. Das mag fünf Jahre dauern – setzt aber natürlich voraus, dass sich die globale Wirtschaft bis dahin erholt.

Wird die Krise das Verhältnis zwischen Staat und Wirtschaft in Großbritannien neu justieren? Wirtschaftsminister Mandelson spricht ja derzeit von Industriepolitik nach kontinentalem Vorbild.

Das historische Denken hierzulande ist, dass es sehr gefährlich ist, nationale Champions zu züchten, weil das per Definition protektionistisch ist und die freie Entfaltung der Marktkräfte behindert. Wir haben die offenste Wirtschaft der Welt und hatten damit viel Erfolg. Die Regierung hat zum Beispiel die heimischen Autohersteller untergehen lassen, und heute werden hier mehr Autos produziert als zu den besten Zeiten des staatlichen Autokonzerns British Leyland. Doch nun, wo viele Leute ihre Arbeitsplätze verlieren, wird das schwieriger zu vertreten sein.

Wann wird es mit der britischen Wirtschaft wieder aufwärtsgehen?

Die meisten glauben, dass wir keine substanzielle Erholung vor Frühjahr 2010 sehen werden. Ich hoffe, dass wir derzeit die Talsohle durchschreiten und uns dann langsam wieder erholen, wenn wir nichts Dummes tun. Das wird aber langsam und schmerzlich ablaufen. Das kann gar nicht anders sein, wenn man sich die Bankbilanzen anschaut.

Wie sehen Sie die Aussichten für London, die weltweite Führungsposition in der Finanzbranche zu halten?

Ich fürchte um die Wettbewerbsfähigkeit Londons als Finanzmetropole. Wir müssen jetzt mal aufhören, die Banker zu prügeln. Wo wären wir ohne die Banken? Schauen Sie doch die Milliarden und Milliarden an, die sie an Steuern bezahlen. Die Regierung muss sehr aufpassen, die Rahmenbedingungen nicht etwa mit undurchdachten Änderungen des Steuerrechts zu ruinieren. Diese Leute müssen nicht in London sein, sie können in Zürich sein oder Dubai, da ist die Infrastruktur fantastisch, und es ist auf halbem Wege nach Asien.

Haben die Banken denn genug getan, um die Exzesse bei Gehältern und Boni zu beenden?

Die Verwaltungsräte haben verstanden, dass sie Entlohnungssysteme so verändern müssen, dass sie langfristige Anreize bieten und nicht das Eingehen exzessiver Risiken belohnen. Ein Problem ist aber auch, dass die Gehaltssysteme von Aktiengesellschaften heute generell viel zu komplex und zu formelhaft sind. Ich finde, dass man neben all den finanziellen Messgrößen auch berücksichtigen muss, welche Werte ein Manager vorlebt und wie er sich gegenüber seinen Mitarbeitern verhält.

Das ist ja schön und gut, aber die Zeiten zweistelliger Millionen-Boni für angestellte Manager müssten doch jetzt vorbei sein?

Es darf nicht einfach immer weitergehen mit dieser Aufwärtsspirale, das stimmt. Aber die Menschen müssen auch verstehen, dass die Preise von Angebot und Nachfrage nach bestimmten Fähigkeiten bestimmt werden. Künstliche Obergrenzen oder Strafsteuern auf Spitzengehälter werden nur dazu führen, dass Manager das Land verlassen und ganze Firmenzentralen umsiedeln.

Der scheidende Shell-Chef Jeroen van der Veer hat vor kurzem gesagt, dass er für das halbe Gehalt nicht weniger geleistet hätte. Ist das nicht die Wahrheit?

Jeroen hat schon recht: Für die meisten Leute ganz oben an der Spitze ist Geld nicht die einzige Motivation. Das gilt vor allem für Europa. Was sie antreibt, sind die Aufregung, der Erfolg, der Stolz auf die Leistung. Geld wird dann eine Reflexion dessen, was man erreicht hat.

Warum dann also die ständig steigenden Gehälter?

Sie müssen bedenken, dass die Amtszeit von Vorständen ja immer kürzer wird. Das führt dazu, dass sie mehr Absicherung bei einem Wechsel verlangen. Schließlich geben sie einen sicheren Job auf und oft auch Aktienoptionen. Es ist also immer teuer, gute Leute überhaupt erst in das Unternehmen zu holen. Wenn sie dann scheitern, gehen sie deshalb mit einer hohen Abfindung. Das wird dann als „Belohnung fürs Scheitern“ kritisiert, aber ohne diese Zusagen hätte man die Manager gar nicht erst bekommen.

Würden mehr Rechte für Aktionäre gegen Exzesse helfen?

Absolut, Aktionäre sollten das Recht haben, über die Gehaltssysteme abzustimmen, wie das ja in Großbritannien schon der Fall ist.

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