Jean-François Théodore: Entscheidung zieht sich bis September hin– US-Börsen greifen nicht ein: Euronext-Chef sieht langen Kampf um LSE

Jean-François Théodore: Entscheidung zieht sich bis September hin– US-Börsen greifen nicht ein
Euronext-Chef sieht langen Kampf um LSE

Der Chef der Vierländerbörse Euronext, Jean-François Théodore, geht von einem langen Übernahmekampf um die Londoner Börse (LSE) aus. „Wenn die Angebote zur Prüfung an die EU-Kommission weitergeleitet werden, gibt es vor September wohl keine Entscheidung“, sagte Théodore in einem Gespräch mit dem Handelsblatt.

LONDON/PARIS. Selbst wenn Brüssel nicht eingeschaltet wird, kann das Verfahren „bis August“ dauern – wenn es der britischen Wettbewerbsbehörde vorgelegt wird. Die Euronext ist wie die Deutsche Börse an einer Übernahme der LSE interessiert. Ein formales Angebot liegt bislang aber noch nicht auf dem Tisch. Die Deutsche Börse hat bislang ihre Bereitschaft bekundet, 530 Pence je Aktie für die LSE zu zahlen. Das Management der Briten hat den Preis als zu niedrig zurückgewiesen, redet jedoch mit beiden Parteien.

Das britische Kartellamt prüft derzeit die vorliegenden Angebote beider Seiten, die sich mit der künftigen Struktur der LSE beschäftigen. Das Amt muss im Fall Euronext bis Freitag entscheiden, ob es das Verfahren nach Brüssel weiterleitet, bei der Deutschen Börse endet die Frist am Montag danach.

EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes hat bereits den Wunsch geäußert, den Fall zu übernehmen. Zwar ist das Marktvolumen der Börsen relativ gering. Auf dem Prüfstand stehen aber wichtige Fragen wie die, ob man Handel, Abrechnung und Abwicklung aus einer Hand anbieten sollte (so genanntes vertikales Silo) oder wie stark das Zusammengehen von zwei der drei großen europäischen Börsen den Wettbewerb vermindert. Wird das Verfahren nicht nach Brüssel weitergeleitet, kann das Kartellamt die Gebote entweder als unbedenklich durchwinken oder der britischen Wettbewerbsbehörde übergeben.

Der Chef der Euronext erwartet nach jetzigem Stand keine weiteren Interessenten für die Londoner Börse. „Die US-Börsen müssen sich momentan mehr um ihr eigenes Geschäft kümmern“, sagte der Franzose. Das lasse die Übernahme einer anderen Börse wohl nicht zu. In den vergangenen Wochen tauchten immer wieder Gerüchte auf, auch amerikanische Interessenten wie die Chicago Mercantile Exchange könnten sich für die LSE interessieren, um eine Expansion nach Europa zu starten.

Auf die Frage, ob die Euronext für eine feindliche Übernahme bereit wäre, wollte der Chef der Kassamärkte in Amsterdam, Brüssel, Lissabon und Paris sowie der Londoner Terminbörse Liffe nichts sagen. Er ließ jedoch erkennen, dass er es als einen Fehler ansieht, nicht früher ein Angebot für London auf den Tisch gelegt zu haben. „Wir haben sie lange umworben. Vielleicht waren wir etwas zu höflich.“

Während die Deutsche Börse zuletzt von einigen Minderheitsaktionären wegen ihres Interesses für die LSE unter Druck kam, kann Théodore auf die Unterstützung der französischen Emittenten und der Politik zählen: Er selbst verneinte, dass es politischen Druck gebe. Andere wie Gérard Mestrallet, Chef des Versorgers Suez und Vorsitzender von Europlace, der Interessenvereinigung für den Finanzplatz Paris, sagte dem „Figaro“: „Die größten französischen Unternehmen unterstützen ohne jeden Zweifel die Initiative von Euronext“. Als Vorzüge von Euronext nannte er die leistungsfähige technische Plattform und die Tatsache, dass die Vierländerbörse den einzelnen Börsen die nationale Identität lassen würde.

Allerdings spielen französische Unternehmen in der Euronext-Kapitalstruktur nur eine Nebenrolle. Die Haupteigner sind angelsächsische Fonds. Mestrallet relativierte Meldungen, denen zufolge französische Firmen Euronext-Aktien kaufen wollen, um bei der Hauptversammlung über den Zukauf der LSE ihre Stimmen in die Waagschale zu werfen: „Es handelt sich um ein Investment, von dem jeder selbst abschätzen muss, wie rentabel es sein wird.“

Théodore sagte, die von ihm genannten potenziellen Einsparungen durch das Zusammengehen mit der LSE seien „eher vorsichtig“ kalkuliert. Die Euronext sieht bei einem Zusammengehen Synergieeffekte in Höhe von 203 Mill. Euro und damit mehr als doppelt so hohe Einsparungen wie die Deutsche Börse. Die Zahl zeige nur, wie „überzeugend“ das Geschäftsmodell einer französisch-britischen Kombination sei.

Der Börsenchef, der seine Pläne derzeit Investoren in aller Welt vorstellt, geht davon aus, dass die Entwicklung einer neuen technologischen Plattform der „nächsten Generation“ noch länger als ein Jahr dauern wird. Eine solche Plattform, die den Handel von Aktien und Derivaten auf ein System vereint und damit die Kosten für Handelsteilnehmer weiter senken soll, hat auch die Deutsche Börse in Planung.

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