John Stumpf
So grillte eine US-Senatorin den Chef von Wells Fargo

Um Verkaufsziele zu erreichen, haben Wells-Fargo-Mitarbeiter Kunden unnütze Finanzprodukte angedient. Chef John Stumpf bekennt sich zur „vollen Verantwortung“. Im US-Kongress zweifeln Politiker an diesen Worten.
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New YorkDas Video zeigt, mit welcher Schärfe Bankchef John Stumpf am Dienstagabend deutscher Zeit im US-Kongress angegangen worden ist: Senatorin Elizabeth Warren knöpfte sich den Chef von Wells Fargo wegen einer Affäre rund um gefälschte Kundenkonten und umstrittene Verkaufsvorgaben vor. Ob er zurücktreten wolle? Ober er auch nur auf fünf Cent seines eigenen Einkommens verzichten wolle? Ob er hochrangige Manager gefeuert habe?

Stumpf suchte verzweifelt nach treffenden Antworten auf das Fragen-Stakkato, doch im Prinzip lautete sie auf diese drei Fragen immer: „Nein.“ Der bisherige Saubermann der US-Finanzindustrie steht damit auf einem Tiefpunkt auf seiner Karriere. Bis vor wenigen Wochen war Wells Fargo die wertvollste Bank in den USA, gemessen am Börsenwert. Dann tauchten die Vorwürfe auf, dass Tausende Mitarbeiter mehr als zwei Millionen falscher Konten eingerichtet hatten, um Verkaufsziele zu erfüllen. Die Aktie verlor deutlich an Wert und JP Morgan überholte Wells Fargo.

In die Anhörung vor dem Bankenausschuss war Stumpf im wahrsten Sinne des Wortes angeschlagen gegangen. Seine rechte Hand in einen Verband gewickelt, hob er die Hand zum Eid, um dann Verzeihung für den Scheinkonten-Skandal bei der Bank zu bitten. „Ich übernehme die volle Verantwortung für die unethischen Verkaufspraktiken“, sagte Stumpf am Dienstag in einer Befragung durch den US-Bankenausschuss. Er entschuldige sich bei allen Amerikanern und Kunden des Geldhauses. Doch wie dieses „Verantwortung übernehmen“ aussehe, das hinterfragte Warren und sagte: „Sie sollten zurücktreten.“

Der Manager sagte während der Anhörung, das Direktorium der Bank prüfe derzeit, welche Maßnahmen gegen Führungskräfte ergriffen werden sollen. Die zuständige Aufsichtsbehörde OCC stieß ins gleiche Horn und drohte mit Strafen für Wells-Fargo-Mitarbeiter. Der demokratische Abgeordnete Sherrod Brown aus Ohio zeigte sich entsetzt über den Skandal. „Der Umfang und die Dauer des Betrugs machen mich fassungslos“, sagte Brown.

Wells-Fargo-Mitarbeiter sollen Kunden zu kostspieligen Finanzprodukten überredet haben, die diese weder angefordert noch gebraucht haben. Die Banker wollten offenbar ehrgeizige Verkaufsziele erreichen. Dazu richteten sie falsche Konten im großen Stil ein. Die Bank hatte sich jüngst mit mehreren US-Behörden auf einen Vergleich geeinigt und zahlt nun eine Strafe von 185 Millionen Dollar.

Finanzvorstand John Shrewsberry hatte vor kurzem erklärt, Wells Fargo selbst werde in dem Skandal hart durchgreifen. Es solle genau geprüft werden, wer was wann wusste. Dabei werde vor keiner Hierarchieebene halt gemacht. Wegen unangemessenen Verhaltens hat die Bank bereits 5300 Mitarbeiter entlassen.

Der Skandal ist auch ein Politikum. Die demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton legte einen Plan vor, wie Missverhalten und Rücksichtslosigkeit im Bankensystem bekämpft werden sollen. Das Vorhaben sieht eine Beschränkung von Bonuszahlungen für Spitzenkräfte bei Fehlverhalten und eine Zerschlagung von großen Banken bei Missmanagement vor. Der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump hat sich bislang nicht öffentlich zu dem Fall geäußert.

Martin Dowideit, Leiter Digitales, Handelsblatt.
Martin Dowideit
Handelsblatt / Leiter Digitales
Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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  • Sehen sie die zum Meineid erhobene Hand auf dem Foto, in einem freien Land geht das nicht durch.

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