Josef Ackermann „Die überwältigende Mehrheit der Banker war anständig“

Noch immer kränkelt die Deutsche Bank. Hat der langjährige Chef Ackermann sein Haus doch nicht so „besenrein“ verlassen, wie er erklärt hatte? Im Interview verteidigt der frühere Top-Banker seine Sicht.
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Zehn Jahre lang stand Ackermann an der Spitze der größten Bank Deutschlands. Quelle: dpa
Josef Ackermann

Zehn Jahre lang stand Ackermann an der Spitze der größten Bank Deutschlands.

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FrankfurtZehn Jahre führte Josef Ackermann die Deutsche Bank. Zuletzt schrieb Deutschlands größtes Geldhaus drei Jahre in Folge rote Zahlen. Welche Rolle spielen dabei Altlasten aus der Ära Ackermann? Anlässlich seines 70. Geburtstages an diesem Mittwoch (7. Februar) zieht der Schweizer im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur seine ganz persönliche Bilanz.

Sie standen lange im Rampenlicht, waren für viele eine Reizfigur. Wie erleben Sie die Wahrnehmung Ihrer Person heute? Was genießen Sie, was vermissen Sie?
Alle Menschen, die mich kennen, begegnen mir respektvoll, ja ausgesprochen freundlich. Gerade in Deutschland habe ich oft den Eindruck, sie wissen das, was die Deutsche Bank in meiner Zeit an der Spitze erreicht hat, heute mehr zu schätzen als je zuvor. Ich vermisse nichts. Ich habe noch einige interessante Mandate in der Welt, die mir viel Freude machen, werde immer wieder zu Vorträgen eingeladen und kann meine Erfahrung international an verschiedenen Universitäten an junge Menschen weitergeben, was ich immer besonders gerne getan habe. Zugleich genieße ich den Zuwachs an Privatleben, persönlicher Freiheit und Zeitsouveränität.

Wie nutzen Sie wiedergewonnene Freiräume?
Ich reise gerne und kann mir dabei jetzt öfter die Zeit nehmen, zu verweilen; ich lese Vieles, wozu ich früher nicht gekommen bin, besuche mit meiner Frau Konzerte und Kunstausstellungen, wandere mit Freunden in den Bergen und spiele etwas Golf.

2007 verrieten Sie einem Magazin: „Ich singe oft, unter der Dusche und wenn ich allein im Auto bin.“ Wie sieht es mit Ihrer Gesangskarriere aus? Was singen Sie am liebsten?
Ich liebe Musik, vor allem Opernmusik, und habe schon immer gerne Passagen aus bekannten Arien gesungen. Einfach aus guter Laune heraus. Eine Gesangskarriere war nie beabsichtigt.

Wie bewerten Sie Ihre zehn Jahre an der Spitze der Deutschen Bank rückblickend?
Ich bin darauf und auf die Leistung meines Teams sehr stolz. Die Deutsche Bank hat damals geschafft, was viele andere vergeblich versucht haben, und ist binnen weniger Jahre in die Topliga der internationalen Banken aufgestiegen. Sie hat in den zehn Jahren deutlich über 40 Milliarden Euro vor Steuern verdient und drei Mal die Auszeichnung „Bank of the Year“ erhalten, den Oscar der globalen Finanzbranche. Obwohl noch ziemlich neu im Investmentbanking, ist sie anders als manche altehrwürdigen Häuser ohne Steuergeld zu benötigen durch die schwerste Finanzkrise seit Menschengedenken gekommen, die einigen renommierten Konkurrenten sogar zum Verhängnis wurde. Gewiss waren auch wir nicht ohne Fehl und Tadel und haben Fehler gemacht – welcher Mensch macht keine? aber diese hielten sich vergleichsweise doch sehr in Grenzen.

Ihr Anspruch war, Ihren Nachfolgern ein „besenreines Haus“ zu übergeben. Inwiefern ist Ihnen das nach Ihrer Einschätzung gelungen?
Ich habe seinerzeit eine Bank an meine Nachfolger übergeben, die für die Zukunft gut aufgestellt war. Über 7000 Aktionäre haben mich dafür auf meiner letzten Hauptversammlung mehrmals mit stehendem Beifall bedacht. Die Bank erwirtschaftete nach der Finanzkrise erneut stattliche Gewinne in Milliardenhöhe. 2011, das letzte volle Jahr, für das ich als Vorstandschef verantwortlich war, erreichte der operative Gewinn sogar fast einen neuen Rekord; und auch in den drei Jahren danach verdiente die Bank noch fast fünfeinhalb Milliarden Euro vor Steuern. Gleichzeitig hatten wir die Bilanz deutlich verkürzt, die Risiken massiv verringert, erhebliche Abschreibungen auf „Altlasten“ vorgenommen, die stabilen Geschäftsfelder mit dem Kauf der Postbank deutlich gestärkt und die Anreizsysteme in der Bank auf Nachhaltigkeit ausgerichtet. Kurz, wir haben alles zeitnah korrigiert, was als korrekturbedürftig erkennbar war. Welche Rechtskosten später noch auf die Bank zukommen würden, war bei meinem Ausscheiden noch nicht absehbar. Aber unabhängig davon standen diese einer guten Zukunft nicht im Wege. Man muss sich dazu nur die Wettbewerber vor allem in den USA ansehen. Die hatten ein Vielfaches an Rechtskosten zu verkraften und verdienen dennoch längst wieder prächtig. Das sind die Fakten

Die derzeitige Führung der Bank hat sich wiederholt kritisch zur Vergangenheit geäußert. John Cryan sagte: „Wir wären heute in besserer Verfassung, wenn wir das, was wir in den vergangenen zwei Jahren erledigt haben, schon vor sechs oder sieben Jahren getan hätten.“ Sein Vize, Marcus Schenck, sagte jüngst dem „Handelsblatt“: „Vor und während der Finanzkrise haben wir dagegen einige Dinge hinter dem Rücken unserer Kunden gemacht – das war sicher kein positiver Beitrag.“ Haben die beiden Recht?
Öffentlich mit dem Finger auf Vorgänger oder Nachfolger zu zeigen ist nicht mein Stil. Wozu soll denn das bitte schön auch gut sein? Der Bank und ihren Mitarbeitern hilft es jedenfalls bestimmt nicht. „Ein jeder kehre vor seiner Tür“, heißt es bei Goethe. Im Übrigen sprechen die Fakten lauter als Worte. In diesem Zusammenhang wird zum Beispiel oft übersehen, dass wir uns, anders als die meisten Wettbewerber, nach der globalen Finanzkrise jahrelang auch noch mit einer schweren Staatsschuldenkrise im Euroraum herumschlagen mussten, die viel Aufmerksamkeit für sich beanspruchte. Ein Zerfall der Eurozone hätte schwerwiegende Folgen für die Bank mit sich gebracht.

Hat das von Ihnen postulierte Ziel einer Eigenkapital-Rendite von 25 Prozent vor Steuern Ziel Fehlverhalten befördert? War es ein Fehler, die Messlatte so hoch zu legen?
Nein, das Ziel einer Eigenkapital-Rendite von 25 Prozent war kein Fehler. Ganz im Gegenteil, es war für die finanzielle Gesundheit der Bank unabdingbar. Nur eine Bank, die gut verdient, kann auch die Risiken tragen, die das Geschäft zwangsläufig mit sich bringt. Bei unseren Wettbewerbern lag die Messlatte schon längst so hoch. Um mithalten zu können, mussten auch wir dieses Niveau erreichen und haben es auch erreicht und übertroffen. Heute stuft der Internationale Währungsfonds Banken als gesund ein, die eine Eigenkapital-Rendite nach Steuern von über zehn Prozent erreichen. Wenn Sie die höheren regulatorischen Eigenkapitalanforderungen im Vergleich zu damals berücksichtigen und die Steuern abziehen, entspricht dies ungefähr den 25 Prozent von früher.

„Die überwältigende Mehrheit der Banker war zu allen Zeiten anständig.“
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