JP Morgan und die Politik
„Die Welt hat sich verändert, die Wall Street nicht“

JP-Morgan-Chef Dimon muss vor dem Parlament peinliche Milliardenverluste erklären. Eine Gelegenheit für US-Politiker, wieder auf Zockerbanken zu schimpfen. Doch in Wahrheit sind sie gegen die Wall Street machtlos.
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WashingtonEs gab eine Zeit, da war Phil Angelides an der Wall Street ein gefürchteter Mann. Die mächtigsten Banker durfte der Vorsitzende der Untersuchungskommission zur Finanzkrise mit unangenehmen Fragen traktieren. Männer wie Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein oder Brian Moynihan von der Bank of America gaben sich vor dem 59-jährigen Kalifornier plötzlich klein und zerknirscht. Der Abschlussbericht der Kommission, der mit den Banken hart ins Gericht ging, stürmte die Bestseller-Listen.

Das war vor weniger als zwei Jahren, die Erinnerungen an die Finanzkrise, an Zockerbanken und Rettungspakete waren noch frisch. Doch heute klingt Angelides frustiert. „Die Welt hat sich verändert, die Wall Street nicht“, sagte der Demokrat Ende Mai bei einem Vortrag in Washington. „Die Praktiken, die dieses Land in die Knie gezwungen haben, gehen noch immer weiter“.

Am heutigen Mittwoch wird Angelides` bitteres Fazit als lebendes Beispiel durch Washington spazieren. Jamie Dimon, Chef der nach Vermögenswerten größten US-Bank JP Morgan Chase, wird vor dem Bankenausschuss des Senats erwartet. Dort muss er Stellung nehmen zu den Verlusten von mindestens zwei Milliarden Dollar, die seine Händler durch Fehlspekulationen angerichtet hatten. Und wie immer bei solchen öffentlichen Anhörungen werden sich Parlamentarier als Bankenkritiker profilieren. Vor allem die Demokraten werden Dimon hart rannehmen, ihn unterbrechen und ihm Unverschämtheiten an den Kopf werfen. Schließlich ist Dimon der Banker, der stets am lautesten gegen eine stärkere Regulierung gewettert hatte.

Und so wird das Spektakel nicht viel mehr sein als das: ein Ritual. Ob echte Konsequenzen folgen, ist ungewiss. Denn die bisherige Aufarbeitung der Finanzkrise zeigt: Politiker, Regulierer und Strafverfolger prangern zwar gerne und oft die Praktiken der Banken an. Schmerzhafte Folgen haben die Tiraden allerdings selten. „Abgeordnete wollen vor allem die Position ihrer Partei herauskehren“, sagt Peter Henning, Professor für Wirtschaftsrecht an der Wayne State University in Detroit. „Also gebe ich nicht viel auf ihre Beteuerungen“.

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