Jürgen Fitschen
Das denkt der Deutsche-Bank-Co-Chef über China

Der Co-Chef der Deutschen Bank spricht im Interview über die Börsenturbulenzen, die mögliche Übernahme von Dax-Konzernen durch Chinesen und Pekinger Staatskapitalismus.

Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt steckt mitten im Umbau ihres Wirtschaftsmodells. Peking hatte kürzlich die weltweite Wirtschaftselite eingeladen, um über die Reformen zu diskutieren. In den Villen auf dem Parkgelände des Staatsgästehauses Diaoyutai im Westen Pekings fanden die Diskussionen statt. Dort gab Deutsche-Bank-Co-Chef Jürgen Fitschen dem Handelsblatt ein Interview – unter der Bedingung, nicht über die Lage seines Finanzinstitutes zu reden. Dafür hat er umso mehr zu China zu sagen.

Herr Fitschen, Die Turbulenzen an den Börsen haben Peking geschockt. Ist China noch auf einem Reformweg?
Grundsätzlich ja. Auf dem Finanzmarkt sieht es aber etwas anders aus. Die Erlebnisse vom Jahresanfang wirken nach. Über die Volatilität war man offensichtlich erschrocken. Es wurde klar, dass die Internationalisierung auch vielfältige Konsequenzen hat. Man muss klarer geldpolitische Ziele und Maßnahmen kommunizieren, um einen Vertrauensverlust zu vermeiden. Beim Studieren der Grundaussagen des neuen Fünf-Jahresplanes ist mir schon aufgefallen, dass die Finanzmarktreformen nicht mehr den Stellenwert haben, den sie vorher hatten. Dies bedeutet aber in meinen Augen nicht, dass sich die chinesische Führung vom Reformweg abwendet. Die Internationalisierung des Finanzmarktes bringt China großen Nutzen. Dies gilt ganz besonders für ein verbessertes Risikomanagement und eine effizientere Kapitalallokation. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt mit den größten Devisenreserven kann sich dieser Entwicklung nicht entziehen, aus gutem Grund.

Aber Verkaufsbeschränkungen für Großaktionäre wurden verlängert, und die „Notbremsen“ zur Verhinderung von Kursverluste (Circuit-Breaker) hatte dramatische Auswirkungen. Waren das Rückschritte?
Das sind Reaktionen, die man im Nachhinein durchaus kritisch sehen kann. Es muss gelernt werden, auf Marktverwerfungen richtig zu antworten. Das ist ein mitunter schwieriger Prozess, bei dem es China natürlich noch an Erfahrung mangelt. Deshalb sollten die jüngsten Maßnahmen nicht überinterpretiert werden. Auf keinen Fall darf eine Panikstimmung gegenüber China entstehen. Ich war schon sehr überrascht, dass China zum Jahresanfang auf einmal als größtes Risiko für das Weltwachstum dargestellt wurde. Das habe ich für maßlos gehalten. Und der Ansicht bin ich auch heute noch.

China steckt mitten im Umbau seines Wirtschaftssystems. Ist Peking auf dem richtigen Weg?
Ich habe gerade den Finanzmarkt als ein Element des Reformprogramms angesprochen. Das gesamte Reformpaket macht für mich sehr viel Sinn. Dabei geht es im Kern um vier Stoßrichtungen: Erstens, weniger Abhängigkeit von der Investitionsnachfrage hin zu mehr Konsumnachfrage. Zweitens, weniger Abhängigkeit von der Exportnachfrage hin zu mehr Inlandsnachfrage. Drittens, weniger Industrieproduktion hin zu einem höheren Dienstleistungsanteil. Und viertens, weniger Staatsnachfrage hin zu mehr privater Nachfrage. Ich habe keinen Zweifel, dass man konsequent den mit diesen Zielrichtungen vorgeschriebenen Weg gehen wird.  Ich halte diesen Weg für richtig, weil er nachhaltiges Wachstum schafft und das veränderte Wachstumsmodell bessere Lebensbedingungen für die Menschen in China bringen wird.

Das wird aber vermutlich Chinas Wachstumsraten weiter fallen lassen, oder?
Wir erschrecken uns über die Entwicklungen, weil es nicht mehr zweistellige Wachstumsraten gibt, an die wir uns über viele Jahre hinweg gewöhnt haben. Jetzt hat die Regierung ein Ziel im neuen Fünf-Jahresplan von jährlich 6,5 bis 7 Prozent Wachstum bis 2020 ausgegeben. Es ist ganz entscheidend zu verstehen, dass die Qualität des Wachstums besser sein wird als zuvor. Es wird nachhaltiger sein, weniger Ressourcen beanspruchen und interessante und ausreichend neue Arbeitsplätze schaffen. So betrachtet, muss man eigentlich weniger besorgt sein, als dies zu Jahresbeginn von vielen zum Ausdruck gebracht wurde. Natürlich sind die Herausforderungen bei den geplanten Umstellungen enorm.

Für die Reformen sollen seit Jahren die Staatsbetriebe und die Staatsbanken reformiert werden. Sehen Sie, dass die verkrusteten Strukturen jetzt aufgebrochen werden?
Das sind zwei Bereiche. Auf der einen Seite haben wir die großen industriellen Staatsbetriebe, auf der anderen Seite die Banken. Die staatlich dominierten Finanzinstitute sind mit ersteren über die Kreditvergabe eng verbunden. Es ist bekannt, dass die Kapitalrenditen bei einer ganzen Reihe von staatlichen Industriebetrieben nicht akzeptabel sind. Reformen sind hier dringend nötig, um die Produktivität zu erhöhen. Dabei wird es nicht ohne einen erheblichen Abbau von Arbeitsplätzen in Verbindung mit Kapazitätsreduzierungen gehen.

Wären denn die Banken in der Lage, die Reformen zu verkraften?
Natürlich ergibt sich bei solchen Veränderungsprozessen die Frage, ob alle ausstehenden Kredite ordnungsgemäß bedient werden können. Mit Blick auf diese Frage muss man sich daran erinnern, dass die großen chinesischen Banken bereits viele Reformen erfolgreich gemeistert haben. So wurden erst im letzten Jahr die staatlichen Begrenzungen auf Einlagenzinssätze vollständig aufgehoben und die Bepreisung von Liquidität mehr durch Marktkräfte beeinflusst. Auch das scheinen die Banken gut verarbeitet zu haben.

Wie groß ist die Gefahr durch faule Kredite in den chinesischen Bankbilanzen?
Die Kennzahlen zu notleidenden Krediten werden im Ausland immer wieder angezweifelt. Deswegen ist es im Interesse Chinas und der Banken,  diese Zweifel durch mehr Transparenz auszuräumen. Es ist nicht zu übersehen, dass die operative Ertragskraft der großen chinesischen Banken durchaus bemerkenswert ist. Das relativiert den möglichen Einfluss von faulen Krediten, sofern sie vorhanden sein sollten.

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Das denkt der Deutsche-Bank-Co-Chef über China

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„Ich hoffe, dass sich die Richtung der Reformen nicht umkehrt“

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