Kapitalschwäche
Top-Lebensversicherer stehen mit dem Rücken zur Wand

Solvency II verbreitet in der Versicherer-Branche immer mehr Angst und Schrecken. Eine heute erschienende Studie kommt zu erschreckenden Ergebnis: Fünf große Lebensversicherer könnten in arge Not kommen.
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Frankfurt

Fünf große deutsche Lebensversicherer könnten ab 2013 zu wenig Kapital haben. Zu diesem Ergebnis kommen die Berater Bain & Company und Towers Watson in der Studie "Solvency II - eine kulturelle und strategische Herausforderung". Von 20 untersuchten Lebensversicherern könnte fast jeder vierte eine Solvenzquote von unter 100 Prozent aufweisen, heißt es da. Die Solvenzquote ist eine entscheidende Kennzahl im neuen europäischen Aufsichts- und Kapitalregime Solvency II, das in zwei Jahren eingeführt wird. Sie misst, in wie weit das Vermögen einer Versicherung durch Solvenzkapital gedeckt ist. Unter Solvenzkapital versteht man das Kapital, das Versicherer vorhalten müssen, um eingegangene Risiken abzudecken.

In Deutschland gibt es insgesamt rund 100 Lebensversicherer. Wie die vielen kleineren Gesellschaften künftig von den EU-Aufsehern behandelt werden, wird noch diskutiert. Kranken-, Schaden- und Unfallversicherer verfügten dagegen in der Regel über ausreichend Substanz, stellen die Berater weiter fest.

Die Analyse der Berater basiert auf Unternehmenszahlen sowie der aktuellen Feldstudie, QIS5, die in diesem Jahr von den EU-Aufsehern durchgeführt worden ist. Die europäische Versicherungsbranche steht nach Ansicht der Autoren vor einem Paradigmenwechsel. Unabhängig von den endgültigen Regeln und Übergangsfristen, rücke mit Solvency II das Kapital als knappe Ressource in den Mittelpunkt der strategischen Überlegungen von Versicherungsunternehmen.

Die Hauptursache für die schlechten Ergebnisse der Lebensversicherer liege in einem relativ hohen Missverhältnis zwischen den Laufzeiten der Versicherungsverträge und den Laufzeiten des angelegten Vermögens, die Experten sprechen auch vom sogenannten Duration-Mismatch. Darüber hinaus wirke eine deutsche Besonderheit: Einige Versicherer bilanzieren noch immer auf Basis des HGB, dessen Vorschriften kürzere Laufzeiten von Vermögenswerten begünstigen.

Unter Solvency II wird Kapital zu einer knappen Ressource und die Kapitalrendite zur zweiten entscheidenden Kennzahl. Die Analyse der Berater zeige: Nur eine Minderheit der Lebensversicherer verdiene die Kapitalkosten. Bei traditionellen Produkten mit einer fest zugesagten Mindestverzinsung auf das Kapital ergab die Simulation eine Rendite von durchschnittlich minus vier Prozent. Besser sei es bei fondsgebundenen Produkte oder reine Risikopolicen, mit denen sich zweistellige Renditen erwirtschaften ließen.

Die Berater sehen Handlungsbedarf bei den deutschen Versicherern. Gunther Schwarz, Partner bei Bain & Company und Leiter der Versicherungs-Praxisgruppe für Europa kommentiert: "Die unterkapitalisierten Unternehmen müssen in den kommenden Monaten ihre Kapital- und Risikostruktur optimieren und dabei ihr Geschäftsmodell sowie ihre Organisation anpassen." Frank Schepers, Director bei Towers Watson, warnt davor, zu zögern: "Bei aller berechtigten Kritik wird es zu einer grundlegenden Neuordnung der Regulierung der Versicherungswirtschaft kommen. Je früher sich die Unternehmen mit der geforderten Transparenz über die Risiken des Geschäfts und deren Kapitaldeckung beschäftigen desto besser."

Kommentare zu " Kapitalschwäche: Top-Lebensversicherer stehen mit dem Rücken zur Wand "

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  • Tolle Nachricht. Nun lassen wir mal die Allianz und ein paar andere gute Maklerversicherer außen vor: wer sind denn dann die 5 Gesellschaften. Sollen die Leser raten?
    Ein paar Andeutungen wären schon hilfreich. So ist die Nachricht wenig wert.

  • Nicht Solvency II sollte der Anlass zur Sorge sein, sondern die demographische Zeitbombe. Die Babyboomer werden in den nächsten 10 Jahren ihre Einzahlungen liquidieren. Raus aus den Verträgen, auch vorzeitig und rein in EM. Alles andere ist Wunschdenken.
    Hans Wunder

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