Kommentar
Die Kassen brauchen den Beitragswettbewerb

Daniel Bahrs Aufruf, die Milliardenüberschüsse der Krankenkassen an die Mitglieder zurückzuzahlen, ist ein Akt der Hilflosigkeit. Viel besser wäre es, den gesetzlichen Kassen ihre Beitragsfreiheit zurück zu geben.
  • 2

Gesundheitsminister Daniel Bahr hat ja recht. Krankenkassen sind keine Sparkassen. Während private Krankenversicherungen ihre Prämien so kalkulieren müssen, dass die Rücklagen für die höheren Ausgaben im Alter ihrer Kunden reichen, sollen gesetzliche Kassen gerade so viel einnehmen, wie sie hier und heute für die Versorgung ihrer Versicherten brauchen. Umlagefinanzierung heißt das. Allenfalls eine Liquiditätsreserve für unterjährige Schwankungen sollte erlaubt sein.

Bahrs Aufruf an Techniker Krankenkasse und Co., ihre aktuellen Reserven in Höhe von über zehn Milliarden Euro über Prämienzahlungen an die Kassenmitglieder auszukehren, ist aber gleichwohl kaum mehr als ein Akt der Hilflosigkeit. Das probate Mittel, Krankenkassen dazu zu bringen, ihren Job zu machen, wären nicht Appelle, sondern Beitragswettbewerb.

Das lehrt nicht nur die ökonomische Theorie, sondern die Erfahrung: Bis 2009 konnten die Kassen ihren Beitrag autonom festlegen. Damit wurde zwar nicht verhindert, dass das Beitragsniveau insgesamt über die Jahre anstieg – weil medizinischer Fortschritt teuer ist und es an Vertragswettbewerb bei Ärzten und Kliniken fehlt. Doch gab es nach jeder Sparreform auch Beitragssenkungen. Etliche Kassen verschuldeten sich sogar über das gesetzlich erlaubte Maß hinaus, nur um nicht teurer zu werden.

2009 wurde der Gesundheitsfonds eingeführt. Seither setzt die Politik den Einheitsbeitrag fest. Die Kassen bekommen fixe Zuweisungen. Ihr ganzes Bestreben ist seither darauf gerichtet, mit diesem Geld auszukommen, um nur keine Zusatzbeiträge fordern zu müssen. Denn diese haben sich als Kassenkiller erwiesen – siehe die Pleiten von City BKK und BKK Heilberufe.

Was aber ist die beste Strategie, Zusatzbeiträge möglichst lange zu vermeiden? Fett ansetzen. Genau das tun viele Kassen derzeit. Herr Bahr und sein Vorgänger Philipp Rösler haben ihnen sogar dabei geholfen. Sie haben den Einheitsbeitrag so stark erhöht, dass das Geld im Fonds auch 2012 und 2013 noch reichen wird, sämtliche Kassenausgaben zu finanzieren und trotzdem noch Milliardenreserven im Gesundheitsfonds zu behalten. Die Kassen können dank dieser auf Nummer sicher gehenden Politik ihre Polster vielleicht sogar noch ein bisschen fetter machen. Mit jeder Milliarde mehr Reserven wächst aber auch die Gefahr, dass das Geld verschwendet wird, um Begehrlichkeiten bei Ärzten, Apothekern und Kliniken zu befriedigen.

Damit haben die Kritiker von Einheitsbeitrag und Fonds recht behalten, die schon immer davon abgeraten haben, der Politik die Beitragsgestaltung im Gesundheitssystem zu überlassen. Einer der prominentesten war übrigens der heutige Gesundheitsminister: Vor der Bundestagswahl versprach er, mit der FDP werde der Fonds wieder abgeschafft.

Herr Minister, lösen Sie Ihr Wort ein, und geben Sie den gesetzlichen Krankenkassen ihre Beitragsfreiheit zurück! Dann klappt’s auch mit der Entlastung der Bürger.

Kommentare zu " Kommentar: Die Kassen brauchen den Beitragswettbewerb"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Die Forderung des Artikels nach Beitragswettbewerb ist platter Unsinn. Wettbewerb kann sowohl über den Preis oder die Leistung stattfinden. Da den Kassen der Weg über den Beitrag verboten ist, können sie sich ja über die Leistung differenzieren und ihr Geld so sinnvoll zum Nutzen der Patienten einsetzen.

    Unsinnig finde ich die ständige Kassendiskussion allemal. Der Wettbewerb, sofern er im Gesundheitswesen überhaupt stattfinden soll, muß zwischen Patient und Pharmaindustrie sowie den Ärzten stattfinden. Das sind nämlich die Marktteilnehmer. Eine handvoll Krankenkassen sollten ausreichen, um dafür die Finanzen zu organisieren. Der Kassenwettbewerb wie er zur Zeit betrieben wird, ist einfach schwachsinnig, sorry - nicht zielführend.

  • Die Forderung des Artikels nach Beitragswettbewerb ist platter Unsinn. Wettbewerb kann sowohl über den Preis oder die Leistung stattfinden. Da den Kassen der Weg über den Beitrag verboten ist, können sie sich ja über die Leistung differenzieren und ihr Geld so sinnvoll zum Nutzen der Patienten einsetzen.

    Unsinnig finde ich die ständige Kassendiskussion allemal. Der Wettbewerb, sofern er im Gesundheitswesen überhaupt stattfinden soll, muß zwischen Patient und Pharmaindustrie sowie den Ärzten stattfinden. Das sind nämlich die Marktteilnehmer. Eine handvoll Krankenkassen sollten ausreichen, um dafür die Finanzen zu organisieren. Der Kassenwettbewerb wie er zur Zeit betrieben wird, ist einfach schwachsinnig, sorry - nicht zielführend.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%