Kommentar
Ergos Politik der Trippelschritte

Ergo will nach den Negativschlagzeilen endlich aus der Defensive - und setzt auf die Verschärfung des Verhaltenskodex für Mitarbeiter und eine Aufwertung der Compliance-Abteilung. Doch der große Wurf ist das nicht.
  • 12

Wir können es uns im Fall Ergo einfach machen: Erst eine Sexreise von Versicherungsvertretern nach Budapest, dann ein lange bekannter aber lieber verschwiegener Formfehler in Versicherungsverträgen zu Lasten von Kunden, dann Unsauberkeiten bei Betriebsrenten – das Untermnehmen Ergo scheint durch und durch marode. Am besten, es würde von Grund auf durchgeschüttelt, der Vorstand nähme seinen Hut und Vertreter, die Versicherungen auf Provisionsbasis vertreiben, ließe niemand mehr ins Haus. Ausreden wie „Einzelfälle“ oder „uralte Geschichten“, wie sie der Versicherer als Entschuldigung für seine peinlichen Pannen nennt, lassen wir nicht gelten. So sieht die Sicht von außen aus.

Doch so einfach ist es nicht. Ergo mit seinen rund 55.000 festen und freien Mitarbeitern hat auch ein Recht auf eine Binnensicht. Die sieht anders aus. Ergo ist ein Kunstname, der eine Einheit vorgaukelt für eine Gebilde, das aus lange etablierten Marken besteht. Innerhalb des Hauses gibt es noch immer Victorianer und Hamburg-Mannheimer. Die Integration, die der 2008 angetretene Vorstandschef Torsten Oletzky vorantreibt, ist noch längst nicht abgeschlossen. Ergo ist also nicht immer gleich Ergo.

Dazu kommt: Die Fälle unterscheiden sich. Die Lustreise war eine moralische Verfehlung. Wer sie plante und in die Tat umsetzte, hat in einem seriösen Unternehmen nichts verloren. Die falschen Verträge waren ein Fehler, der - wie immer bei Fehlern - schlimmer wurde, als er erkannt, aber nicht sofort beseitigt wurde. Die Mauscheleien bei Betriebsrenten schließlich fallen in das Fach übereifriger Verkäufer, die mit allen Tricks ihren Kunden das Geld aus der Tasche ziehen. Sie erinnern an das Klischee des Gebrauchtwagenhändlers, der den Rost übertüncht, um ein paar Euro mehr zu bekommen. Schön ist das nicht. Der beste Weg dagegen vorzugehen, ist als Kunde um solche Vertreter ihrer Zunft einen Bogen zu machen.

Oletzky ist mit Ergo soweit verwachsen, dass er sich die Binnensicht der Dinge zu eigen gemacht hat. Folgerichtig versucht der Ergo-Frontmann die Mängel in seinem Unternehmen abzustellen, in dem er hier mal einen Verhaltenskodex für Mitarbeiter verschärft und dort mal die Kontrolleure der Compliance-Abteilung aufwertet.

Der große Wurf ist das sicher nicht und Oletzky kann diese Politik der Trippelschritte auch nur betreiben, weil Ergo mit der Munich Re ausschließlich einen Eigentümer hat. Bis so einem 100-Prozent-Eigner der Geduldsfaden reißt, fließt sehr viel Wasser den Rhein hinunter. Es dauert auf jeden Fall länger, als wenn mehrere Interessengruppen im Eigentümerkreis eines Unternehmens um ihre Position ringen und Druck machen.

Ob der Versicherer damit durchkommt, liegt jetzt in der Hand der Kunden. Sie zählen - und nicht die Binnen- oder die Mediensicht. Und sie bleiben bislang erstaunlich gelassen.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Kommentar: Ergos Politik der Trippelschritte"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • und wenn die Handelsblatt-Vize zum Ergo-Mitbewerber Allianz wechselt ist das mit der unabhängigen Berichterstattung so eine Sache
    Sie auch http://kress.de/alle/detail/beitrag/109372-nach-24-jahren-beim-handelsblatt-vize-chef-knipper-wird-allianz-kommunikator.html

    Aber darauf kann sich jeder selber einen Reim drauf machen.

  • Sie schreiben … erpresserische Ex-Vertreter der HMI .... womit erpresst hier wer wenn ? Kann Wahrheit Erpressung sein? Wenn ich richtig gelesen habe, stimmt doch bis jetzt alles was in der Presse/HB stand, oder? Mich würden mal interessieren was diese „Bösen Buben“, die EX Vertreter, wollen. Oder hat die Ergo dann wieder etwas zu erklären ?

  • Wow, dieser chris(wieso klein geschrieben?)ist wahrscheinlich ein Engel- unfehlbar. Der denkt wohl auch, dass JEDER Arzt seinen Job macht, weil er den Menschen "helfen" will und keinerlei finanzielle oder status Gründe hat...Alle 55.000 Mitarbeiter bei der ERGO über einen Kamm zu scheren ist provinziell und albern. Hat da jemand ein Problem noch nicht verdaut?

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%