Libor-Skandal
Barclays-Chefaufseher wäscht Hände in Unschuld

Der aus dem Amt scheidende Barclays-Aufsichtsratsvorsitzende Marcus Agius bestreitet, von Manipulationen des Marktzinses Libor gewusst zu haben - und schiebt den schwarzen Peter seinem Management zu. Ex-Vorstandschef Diamond gewährt er trotzdem einen goldenen Handschlag.
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LondonDer Aufsichtsratsvorsitzende und aktuelle Interimsvorstandschef von Barclays, Marcus Agius, weist eine Mitkenntnis der Manipulationen des Marktzinses Libor von sich. Die Entscheidungen über die Festsetzung des Libor-Satzes seien vom Management unterhalb des Boards getroffen worden, sagte Agius am Dienstag vor einem Parlamentsausschuss in London.

Er könne jedoch nicht sagen, wer genau für die Entscheidungen verantwortlich gewesen sei, sagte Agius. Er sei jedenfalls erst auf die Ausmaße der Manipulationen aufmerksam geworden, als die Ermittlungen bereits fortgeschritten waren. Dass es möglicherweise zu Gesetzesverstößen kam, sei ihm Anfang 2011 bewusstgeworden.

Agius bleibt bei Barclays noch so lange an Bord, bis er einen Nachfolger für Diamond gefunden hat. Zu dessen Rücktritt sagte er vor den Abgeordneten, Diamond sei aus Sicht der Aufseher nicht mehr zu halten gewesen. "Wir sind daher zu dem Ergebnis gekommen, dass wir keine andere Wahl haben, als ihn zum Rücktritt aufzufordern."

Der im Zuge der Affäre zurückgetretene Barclays-Chef Bob Diamond hatte angedeutet, dass sein Haus 2008 davon ausgegangen sei, die Notenbank heiße falsche Angaben zur Ermittlung des Libor-Satzes gut. Agius betonte nun, er habe nicht gewusst, dass es eine entsprechende Kommunikation zwischen Notenbank-Vize Paul Tucker und der Bank gegeben habe.

Diamond gibt sich indes nach dem Skandal demonstrativ bescheiden: Der einst bestbezahlte Banker Europas verzichtet nach seinem Rücktritt auf Bonuszahlungen von bis zu 20 Millionen Pfund, kündigte Agius an. Stattdessen erhält er einen goldenen Handschlag: Diamond werde zur Abfindung aber ein Jahresgehalt sowie eine Sonderzahlung anstelle einer Pension erhalten, zusammen rund zwei Millionen Pfund. Barclays bestätigte die Einigung. In einer Mitteilung zitierte die Bank ihren früheren Chef mit den Worten, er hoffe sehr, dass Barclays das unrühmliche Kapitel nun schließen und nach vorne schauen könnte. "Das Fehlverhalten einiger weniger sollte nicht von der hervorragenden Arbeit ablenken, die die Barclays-Beschäftigten jeden Tag für ihre Kunden auf der ganzen Welt verrichten."

Allein im vergangenen Jahr hatte Diamond inklusive eingelöster Aktienpakete satte 17 Millionen Pfund eingestrichen. In Sachen Banker-Vergütung war der US-Amerikaner diesseits des Atlantiks lange Zeit das Maß aller Dinge. Dass der 60-Jährige die ihm eigentlich zustehenden Bonuszahlungen für dieses Jahr nun nicht einfordert, wurde in der Londoner Downing Street mit Erleichterung aufgenommen. Zugleich mahnte Premierminister David Cameron aber einen grundlegenden Wandel in der Bankenkultur an.

Der britische Premierminister David Cameron begrüßte Barclays Entscheidung, Diamond den Bonus zu streichen. Es zeige, dass das Management die Bedenken der Öffentlichkeit angesichts der schweren Vorwürfe verstanden habe. Zugleich forderte der Regierungschef einen grundlegenden Wandel in der Bankenkultur.

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  • Für fast eine halbe Milliarde $ Strafe verantwortlich zu sein und dennoch 2,5 Mio £ Abfindung kassieren?
    Was mach ich bloß falsch?

  • Deswegen sollten sich die vielen allwissenden Experten besser damit beschäftigen, wie man eine funktionierende Bankenaufsicht in Europa installiert, statt sich in nationalistischem und beifallheischendem Getue vor die Kamera zu stellen.

  • Wie lange wollen sich Politiker noch von den Bankern an der Nase rumführen lassen? Erst die Krise 2008, dann diverse Skandale bei einigen Grossbanken verursacht durch schräge Geschäfte einzelner Händler, nun die LIBOR Krise. Solche Leute begehen kriminelle Handlungen und werden nach deren Entdeckung entlassen und abgefunden anstatt endlich mal in einem Präzedenzfall vor Gericht gestellt und zu Gefängnisstrafen verurteilt zu werden.

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