Liveblog Deutsche-Bank-Hauptversammlung
„Was sind Ihre Visionen, Herr Cryan?“

Der Co-Vorstandsvorsitzende, John Cryan, bekommt viel Lob; Noch-Co-Chef Jürgen Fitschen wird mit warmem Applaus verabschiedet; Blitzableiter für die Kritik der Aktionäre ist Aufsichtsratschef Paul Achleitner.
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Frankfurt am MainDer Redebedarf bei den Aktionären der Deutschen Bank ist groß: Ihnen wurde die Dividende für zwei Jahre gestrichen, und welche finanziellen Folgen die unüberschaubare Zahl juristischer Altlasten haben, ist auch noch nicht absehbar. Für den Vorstand – aber vor allem für den Aufsichtsrat des größten deutschen Geldhauses – war es kein gemütliches Zusammentreffen mit den Anteilseignern anlässlich der diesjährigen Hauptversammlung. Das gilt umso mehr, als einige Stimmrechtsberater institutionellen Investoren empfohlen haben, gegen die Entlastung des Aufsichtsrats zu stimmen. Das Ergebnis der Abstimmung lässt auf sich warten. Das Handelsblatt hält Sie auf dem Laufenden.

  • Aktionäre kritisieren Bonus-Exzesse und Querelen im Aufsichtsrat

  • Die Bank ist in 7.800 Rechtsstreitigkeiten verwickelt.

  • Abstimmung über das neue Vergütungssystem dürfte zur Zitterpartie werden

  • Jürgen Fitschen wird emotional verabschiedet – und bleibt der Bank erhalten.

Die hitzigsten Debattenbeiträge wurden mittlerweile vorgetragen, die Fragen und ihre Beantwortung plätschern vor sich hin und die Stuhlreihen lichten sich. Zeit für ein kleines Resümee zum Abschluss unseres Liveblogs: Die Ablösung der alten Vorstandsriege kurz nach der letztjährigen Hauptversammlung war ein wohl überfälliger Schritt. Das kann man an dem Lob vieler Aktionäre für den neuen starken Mann des Instituts, John Cryan, erkennen. Mit Ablauf der Hauptversammlung wird John Cryan der alleinige Chef des Instituts sein, weil Co-Chef Jürgen Fitschen dann aus dem Amt scheidet. Fitschen wurde, obwohl er Teil der heftig kritisierten alten Führungsriege war, mit ziemlich ausführlichem Applaus und teils stehenden Ovationen überaus warm verabschiedet.

War im vergangenen Jahr noch der Vorstand das Ziel heftigster Aktionärskritik, so war in diesem Jahr in erster Linie der Aufsichtsrat, allen voran dessen Chef Paul Achleitner, der Blitzableiter für Aktionärskritik. Dass ausgerechnet der Chefaufklärer im Aufsichtsrat, Georg Thoma, von seinen Kollegen aus dem Amt gedrängt wurde, sorgte für zahllose kritische Eingaben. So präsent wie Herr Thoma war kein anderes einfaches Aufsichtsratsmitglied – dabei war Thoma gar nicht anwesend.
Reizthema Nummer 2: Der Vergleich mit dem früheren Bank-Chef Rolf-E. Breuer, der mit seinen unglücklichen Äußerungen über den verstorbenen Medienzaren Leo Kirch einen jahrelangen, teuren Rechtsstreit lostrat. Dass Breuer nur mit einer Summe von 3,2 Millionen Euro in Regress genommen werden soll, finden gleich mehrere Aktionäre geradezu lächerlich niedrig. Das gilt umso mehr als die Deutsche Bank in einem anderen Verfahren von dem ehemaligen Sal.-Oppenheim-Top-Banker Matthias Graf von Krockow Schadenersatz von mehr als 120 Millionen Euro verlangt.

Reizthema Nummer drei: Das neue Vergütungssystem der Bank für Vorstände. Vor allem den institutionellen Anlegern passt das System nicht. Es ist noch völlig unklar, ob das Vergütungssystem eine Mehrheit unter den Aktionären erreichen wird.
So viel ist klar: John Cryan mag mit vielen Vorschusslorbeeren ins Amt getragen worden sein, doch sein Aufgabenzettel ist auch ziemlich lang.

Jetzt kommt es vor allem für den Aufsichtsrat rund um Chefkontrolleur Paul Achleitner auf die Abstimmungsergebnisse an. Wie groß wird die Mehrheit ausfallen, mit der die Aktionäre Entlastung gewähren? Aber darauf müssen Achleitner und seine Kollegen noch einige Stunden warten. Die Ergebnisse werden erst für den späten Abend erwartet.

+++Georg Thomas langer Schatten+++
Die Redner mögen wechseln, doch ein Thema zieht sich fast wie ein roter Faden durch die gesamte Hauptversammlung: Der praktisch erzwungene Rücktritt des Aufsichtsrats Georg Thoma, der im Aufsichtsrat die Rolle des Chefaufklärers eingenommen hatte, schlägt auf der Hauptversammlung große Wellen. Zwei prominente Aufsichtsräte hatten Thoma Übereifer bei der Aufklärung vorgeworfen, der Aufsichtsrat hatte Thoma fast geschlossen einen Rücktritt nahe gelegt. Fast alle Redner erwähnen den öffentlich ausgetragenen Konflikt, stellen kritische Nachfragen. Aufsichtsratschef Paul Achleitner bemüht sich, die Wogen zu glätten. Spricht davon, der Grund dafür sei weniger der Inhalt als der Stil von Thomas Vorgehen gewesen, die Aufklärung werde auch vom übrigen Vorstand weiter vorangetrieben. Dennoch: Obwohl Thoma zur Hauptversammlung nicht erschienen ist, lastet sein Rücktritt wie ein Schatten über dem Aktionärstreffen.

+++ 7.800 Rechtsstreitigkeiten+++

Die Frage nach der aktuellen Zahl der Rechtsstreitigkeiten ist ein Dauerbrenner auf den Hauptversammlungen der Deutschen Bank. Die Frage bleibt gleich, die Antwort fällt regelmäßig etwas höher aus: Laut John Cryan waren es Ende des ersten Quartals 2016 nunmehr 7.800 Rechtsstreitigkeiten - darin sind Rechtskonflikte der Tochter Postbank enthalten. Es geht überwiegend um Klagen mit niedrigem Streitwert aus dem Privatkundengeschäft, berichtet Cryan noch.

+++ Atemlos durch die Hauptversammlung +++

Fragestunde und kein Ende in Sicht: Am Nachmittag stehen knapp 40 Aktionäre auf der Rednerliste. Da überrascht es, wenn ein Redner mal nicht sofort ans Pult tritt. „Ist Frau Steeg im Saal?“, fragt Versammlungsleiter Paul Achleiter streng.

„Frau Steeg ist im Saal", ertönt es aus dem hinteren Teil der Festhalle. Die Gesuchte rennt in Richtung Podium und tritt schließlich atemlos ans Rednerpult: „Es war ein langer Weg vom Kaffeeraum hierher“, sagt sie. Als Achleitner sie an das Ende ihrer Redezeit erinnert, antwortet sie: „Ein Teil meiner Redezeit ging sicherlich auch auf meine Schweratmigkeit zurück.“

+++ Kleinaktionäre in Rage +++
Die Kursstürze des Aktienkurse sorgen für Frust bei den Kleinaktionären, viele lassen am Rednerpult Dampf ab. Einige Zitate: „Ein neues Geschäftsmodell der Bank heißt Rechtsstreitigkeiten“. „Die Zahlen sind ein einziges Desaster“. An den Aufsichtsrat gewandt: „Steht für das gerade, was ihr verbrochen habt.“

+++ Cryan bleibt beim Thema Brexit entspannt +++
Einem möglichen Austritt Großbritanniens aus der EU sieht die Deutsche Bank gelassen entgegen. „Wir sind auf alle Szenarien vorbereitet“, sagte Bankchef Cryan. „Die Deutsche Bank ist durch die heute starke Aufstellung in Frankfurt und London gut positioniert, um mögliche kurz- und längerfristige Auswirkungen eines Brexit steuern zu können.“ Wichtig sei für das Institut vor allem, auf mögliche Marktschwankungen nach einem Brexit vorbereitet zu sein.

+++Würstchen-Überschuss bei der Deutschen Bank+++

Erinnern Sie sich noch an das Würstchen-Gate bei der Daimler-Hauptversammlung? Zwei Aktionäre gerieten in heftigen Streit um „Saitenwürschtle“, weil ein Aktionär ungebührlich viele davon einpacken wollte. Die Polizei musste gerufen werden. Bei der Deutschen Bank besteht dieses Risiko offensichtlich nicht: Gerade wird das Mittagsbüffet abgebaut, da bittet eine Aktionärin noch um zwei Würstchen. Rückfrage des Kochs: „Dürfen es auch drei Würstchen sein? Wir bauen gerade ab.“ Die Dividende mag gestrichen, der Aktienkurs im Keller sein, doch zumindest bei der Verpflegung der Aktionäre gibt es keine Engpässe zu geben.

+++ Buch-Präsent für Cryan +++
Nicht nur einen Vertrauensvorschuss erhält Cryan von den Aktionären – ein Redner auf der Hauptversammlung überbrachte dem Deutsche-Bank-Chef sogar ein Buch-Geschenk. Um welches Buch es sich handelt, sagte der Aktionär nicht. Cryan nahm das Präsent dennoch persönlich entgegen.

+++ Cryan: Bank soll ab 2018 profitabler werden +++
An diesen Werten wird sich Cryan messen lassen müssen: Bis Ende 2017 solle der Umbau der Bank weitgehend abgeschlossen sein, sagte der Deutsche-Bank-Chef. „Bis 2018 möchten wir eine Ertragskraft von 70 erreichen. Bis 2020 möchten wir den Wert auf 55 Prozent verbessen.“ Bei dem Rekordverlust im vergangenen Jahr lag die Aufwand-Ertrags-Relation noch bei 115,3.

Die Anleger interpretieren die Aussichten positiv und kauften zu. Die Aktie ist mit 3,3 Prozent im Plus und damit am Donnerstag hinter Merck der zweitstärkste Titel im Dax.

+++Gute gefüllte Ränge in der Frankfurter Festhalle +++

Die Querelen innerhalb und außerhalb des Aufsichtsrats haben zumindest in einer Hinsicht nicht geschadet: Die Aktionärspräsenz ist mit 35,76 Prozent der Anteilsscheine höher als in den zwei Vorjahren. Im vergangenen Jahr waren 33 Prozent der Stimmrechte anwesend oder haben online abgestimmt, ein Jahr zuvor sogar nur 29 Prozent.

Dass die Deutsche Bank immer für ein Hauptversammlungs-Spektakel gut ist, scheint sich rumgesprochen zu haben. Denn auch die physische Präsenz in der Festhalle an der Frankfurter Messe ist recht groß: Rund 5400 Aktionäre sind anwesend, die Ränge sind gut gefüllt.

Kommentare zu " Liveblog Deutsche-Bank-Hauptversammlung: „Was sind Ihre Visionen, Herr Cryan?“"

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  • Mutti muß den Laden verstaatlichen und entschuldet den Aktionären zurückgeben.

  • „Was sind Ihre Visionen, Herr Cryan?“
    Der sucht das nicht vorhandene Eigenkapital von diesem Pleiteladen.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette 

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