Lustreisen
Ergo bremst Transparenz mit juristischen Mitteln

„Offenheit und Transparenz“ versprach Ergo-Vorstandschef Torsten Oletzky im Nachgang der Budapest-Affäre. Doch jetzt macht der Konzernchef einen Rückzieher und erwirkt eine einstweilige Verfügung gegen das Handelsblatt.
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DüsseldorfDer Versicherungskonzern Ergo will die öffentliche Aufarbeitung seiner Sex-Affären mit juristischen Mitteln behindern. Der Konzern fordert, dass das Handelsblatt den jüngsten Revisionsbericht des Unternehmens nicht mehr im kompletten Wortlaut veröffentlicht. In den Berichten wird beschrieben, wie freie Handelsvertretern mittels käuflichem Sex motiviert werden sollen.

Der Konzern geht damit gegen die noch junge iPad-App „Handelsblatt Morning Briefing“ vor. Dort wurden auch heute morgen wieder die Revisionsberichte originalgetreu veröffentlicht. Komme das Handelsblatt der Forderung nicht nach, drohten juristische Konsequenzen, warnte Ergo. Am Mittag erwirkte Ergo am Landgericht Köln dann eine einstweilige Verfügung gegen das Handelsblatt. Der Verlag darf den Revisionsbericht „HMI-Wettbewerbsreise - Budapest 2007“ nicht mehr verbreiten. Drei weitere Revisionsberichte sind von der Unterlassungserklärung allerdings nicht betroffen und können weiterhin abgerufen werden.

Das Vorgehen von Ergo steht im Gegensatz zu der versprochenen Transparenz des Konzerns beim Thema Lustreisen. „Ergo steht für Transparenz und Offenheit. Und das wollen wir auch zum Thema unternehmerische Verantwortung zeigen“, sagte Vorstandschef Torsten Oletzky noch vor wenigen Wochen. „Unternehmerische Verantwortung ist ein umfassendes Konzept, das alle Unternehmensbereiche betrifft und genauso durch Fakten und Daten belegt werden muss, wie alle anderen Maßnahmen auch.“

In diesen Tagen hätte Oletzky alle Chancen, den Beleg für die Glaubwürdigkeit seiner Unternehmenspolitik zu erbringen. Nachdem die Berichte der Konzernrevision über die teils bizarren Praktiken zur Motivation von Handelsvertretern ein Jahr lang unter Verschluss blieben, hat sie das Handelsblatt nun öffentlich gemacht. Per Download über die iPad-Anwendung können sich die Leser selbst ein Bild machen, wie die Ergo die historische Gellert-Therme 2007 in Budapest in ein Freiluft-Bordell verwandelte, und warum die besten Vertreter 2009, 2010 und 2011 zur Belohnung tagelang in einen Swinger-Club auf Jamaika einquartiert wurden.

Oletzky ist die selbst proklamierte Transparenz nun offenbar zu viel. Per Anwalt will er die Veröffentlichung der Konzernberichte verbieten lassen. Die Begründung: Das Handelsblatt verletzte durch die Veröffentlichung die Urheberrechte der Ergo.

Die Rechtsexperten des Handelsblattes werden freiwillig keine Unterlassungserklärung abgeben, sondern verweisen Ergo auf den Rechtsweg. „Wir werden die Angelegenheit genau prüfen. Urheberrechtliche Ansprüche sollten - sofern es sich hier überhaupt um ein geschütztes Werk handelt - jedenfalls im Lichte der Pressefreiheit ausgelegt werden“, sagt Thomas Gottlöber, Chefjustiziar der Verlagsgruppe Handelsblatt.

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Handelsblatt wird Rechtsstreit nicht aus dem Weg gehen

Kommentare zu " Lustreisen: Ergo bremst Transparenz mit juristischen Mitteln"

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  • Wenn ich das als Verbraucher alles so lese und mir diese Verflechtungen betrachte, dann sollte man sich vielleicht auch mal -ebenso wie bei Herrn Wulff- die Mühe machen und die Doktorarbeit dieses Herrn näher betrachten....

    Den passenden Anwalt hat die ERGO ja schon ;-)

  • Es dauert nicht mehr lange, bis Oletzky gehen wird.

    Der ehemalige Controller Oletzky, hat weder den Konzern im Griff, noch erreicht er seine Ergebnisziele.

    2012 sollten 900 Millionen Gewinn geliefert werden,
    um die 400 Millionen heißt es, sind dieses Jahr realistisch.

    Und das, obwohl die Geschäftsberichte schon mit betrügerischen Vertriebsmethoden geschönt sind,
    wie die Korruptionsaffäre und die gezielt umgangenen Gruppenkonditionen in der bAV zu Lasten von Tausenden Arbeitnehmern belegen.
    Quelle: Pressemitteilung vom 08.12.2011 auf ergo.de

    Das heißt,
    selbst mit kriminellen Geschäftsmethoden bringt´s
    Torsten Oletzky nicht.

    Wer also keine Flasche sucht, vermeidet ihn im Unternehmen.

    Im Übrigen,wurde das Versicherungsaufsichtsgesetz drastisch nach der Sonderermittlung der BaFin bei Ergo angepaßt. Interessierte finden dort neue Ordnungswidrigkeiten die mit bis zu 150.000,- € oder bis zu 3 Jahre Haft sanktioniert werden können.

    Die BaFin hatte es wohl satt, sich von Oletzkys Verschleierungstaktik an der Nase herumführen zu lassen.
    Recht so.

    Jetzt muß die BaFin nur noch jenen Torsten Oletzky aus ihren Gremien entfernen, ansonsten glaubt man nicht an ihre Unabhängigkeit.

  • Was denken Sie, den sog. Bockschein für Freudenmädchen gibt es in Deutschland schon seit vielen Jahren nicht mehr.

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