Manipulationsskandal

Lloyds gerät ins Visier der Libor-Ermittler

Doppelt schlechte Nachrichten für Lloyds: Nach Falschberatungen macht die britische Großbank Verluste. Außerdem ermitteln die Behörden nun auch gegen die Briten wegen der mutmaßlichen Manipulation von Marktzinsen.
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Für Lloyds sieht es düster aus. Quelle: Reuters

Für Lloyds sieht es düster aus.

(Foto: Reuters)

LondonDie größte britische Privatkundenbank Lloyds Banking Group wird nun auch von den Ermittlungen rund um den Libor-Manipulationsskandal erfasst. Zur Gruppe gehörende Töchter hätten Vorladungen und Anfragen zu Informationen von verschiedenen Behörden erhalten, teilte Lloyds am Donnerstag mit. Die betroffenen Bereiche würden mit den Behörden zusammenarbeiten. Intern sei eine gründliche Untersuchung dazu gemacht worden, teilte das Institut mit. Es sei aber nicht abzusehen, wie lange die Ermittlungen andauern und was dabei herauskommen werde.

Der Skandal um die Manipulation des wichtigen Referenzzinssatzes Libor hat die Bankenbranche weltweit erschüttert. Bislang steht die britische Bank Barclays im Zentrum der Vorgänge. Sie muss eine Rekordstrafe von 453 Millionen Dollar bezahlen. Weltweit stehen mehr als ein Dutzend Banken im Visier, darunter die Deutsche Bank.

Dabei steckt die britische Großbank schon jetzt tief in den roten Zahlen: Hohe Kosten für Falschberatung haben deutliche Spuren in der Lloyds-Bilanz hinterlassen. Bis Ende Juni stand ein Minus von 641 Millionen Pfund (820,5 Milliarden Euro) in den Büchern, wie die Bank am Donnerstag in London mitteilte. Das war zwar ein um 72 Prozent geringerer Verlust als vor einem Jahr, aber dennoch ein herber Rückschlag für die Bank.

Experten hatten damit gerechnet, dass die teilverstaatlichte Bank einen Gewinn ausweisen würde. Größtes Problem waren abermalige Rückstellungen für die fehlerhafte Beratung bei Kreditausfallversicherungen. Die Belastung lag im zweiten Quartal bei 700 Millionen Pfund. Bis Ende Juni sind es damit bereits knapp 1,1 Milliarden Pfund, die Lloyds dafür zurückstellen musste.

Die wichtigsten Antworten zur Libor-Affäre
Euro-Logo vor der Europäischen Zentralbank (EZB)
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1. Worum geht es beim Libor- und Euribor-Zinssatz - und wie wird er errechnet?

Der Libor ist ein täglich vom britischen Bankenverband BBA errechneter Zins, an dem sich Geldhäuser rund um den Globus orientieren. Seit 1986 befragt der BBA in London ansässige Banken, zu welchem Zins sie sich untereinander Geld leihen würden. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um Manipulationen zu vermeiden. Aus den übrigen Zahlen wird dann ein Mittelwert gebildet. Der daraus resultierende Satz für Laufzeiten von bis zu einem Jahr und für die gängigsten Währungen ist der wichtigste Indikator für die Liquiditätslage am Interbankenmarkt. Damit war der Libor eines der Krisenbarometer während der Finanzkrise: je höher der Satz, desto größer das Misstrauen des Marktes gegenüber einer Bank.

huGO-BildID: 26559607 A teller displays 100 US dollar notes at a moneychanger in Jakarta on May 30 , 2012. The Indonesian central bank will set an a
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Der Libor dient aber auch als Referenz für Finanzprodukte - von der komplexen Übernahmefinanzierung bis zur einfachen Hypothek. Am Libor hängen Finanzprodukte im geschätzten Wert von 350 bis 550 Billionen Dollar. Während der Libor für Dollar-Geschäfte besonders wichtig ist, ist es der Euribor (Euro InterBank Offered Rate) für den Euro. Er wurde 1999 mit Einführung des Euros ins Leben gerufen. 43 Banken melden dabei ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Kurs ähnlich wie beim Libor berechnet wird.

A police officer stands on duty as protestors from the Move Your Money group stick up posters on a branch of Barclays Bank in Westminster central London
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2. Welches Interesse hatten Banken und Regierungen, den Wert zu manipulieren?

Zwei Vorwürfe stehen im Raum: Zum einen sollen sich die Händler einer Reihe von Banken von 2005 bis 2007 durch die Manipulation des Euribor bereichert haben. Ihnen wird vorgeworfen, eine Art Kartell gebildet zu haben, um die Sätze in eine Richtung zu lenken, die den Wert ihrer eigenen Derivatepositionen steigerte. Eines der Kartelle soll von der britischen Großbank Barclays (Bild: Protest vor einer Londoner Filiale) organisiert worden sein, ein anderes von der Schweizer UBS. „Heute bräuchten wir einen ziemlich niedrigen Satz bei den Dreimonats-Laufzeiten, sonst kostet uns das ein Vermögen“, heißt es in der E-Mail eines beschuldigten Barclays-Händlers. In diese Manipulationen ist auch die Deutsche Bank verwickelt.

File photo of the national flag of Switzerland national flag flying in front of the logo of Swiss bank UBS at the company's headquarters in Zurich
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Zum anderen sollen einige der damals am Libor-Fixing beteiligten Banken in den Krisenjahren 2007 und 2008 systematisch zu niedrige Zinsen gemeldet haben, um die verunsicherten Märkte zu beruhigen und Zweifel an der Solidität der Banken zu zerstreuen. Hier mischten Barclays-Chef Bob Diamond und der Chefinvestmentbanker Jerry del Missier mit. Eine Gesprächsnotiz scheint anzudeuten, dass auch die Bank of England die Vorgänge geduldet haben könnte.

Euro-Münze und Schweizer Franken
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3. Welche Folgen haben die Manipulationen für Sparer und Kreditnehmer?

Der Interbankenzins Libor gilt als wichtige Referenz für viele Finanzprodukte. Der Zinssatz variabler Kredite ist meist an den Geldmarktsatz gekoppelt. Variable Kreditzinsen sind vor allem bei Firmenkrediten üblich. „In Ländern wie Großbritannien, Spanien oder Österreich sind aber auch die Zinsen für Baukredite häufig an einen Geldmarktsatz gekoppelt“, sagt Thomas Meissner, Zinsanalyst der DZ Bank. Die Preise für Derivate, mit denen man sich gegen Zinsänderungs- oder Währungsrisiken absichert, sind ebenfalls oft an den Libor gebunden.

Moody's rating agency downgrades 15 international banks
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„Für Euro-Verträge ist der Euribor der wichtigere Geldmarktsatz. Aber für Währungen wie den Dollar oder den Schweizer Franken ist der Libor sehr bedeutsam“, sagt Meissner. Das heißt, dass Unternehmen aus dem Euro-Raum meistens mit dem Libor zu tun haben, wenn sie sich in Fremdwährungen verschulden oder Zinsrisiken in fremden Währungen absichern. Es gibt Gewinner und Verlierer der Manipulationen: „Wenn der Libor zu niedrig angesetzt wurde, dann ist das ein Vorteil für Kreditnehmer, deren Darlehen an den Geldmarktsatz gekoppelt sind“, sagt Falko Fecht, Professor für Financial Economics an der Frankfurt School of Finance. Dafür erhalten Einleger geringere Sätze, denn die Konditionen für Tagesgeld orientieren sich oft an Geldmarktsätzen. (Bild: Finanzviertel in London)

huGO-BildID: 26953124 (FILES) A file picture taken on August 3, 2009, shows a Barclays Bank branch in central London. Barclays bank is to pay $452 mi
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4. Warum wird der Zinssatz von Privatbanken bestimmt und nicht von Notenbanken?

Der Libor ist nicht als offizieller Referenzsatz entstanden: Er geht auf eine Initiative der privaten Kreditwirtschaft zurück. Erst im Laufe der Zeit, als immer mehr Kredit- und Derivateverträge auf den Wert Bezug nahmen, erreichte er seine heutige Bedeutung. Der Libor und sein Euro-Pendant Euribor sollen zeigen, zu welchem Preis sich Banken Geld leihen. Das wissen aber nur die Banken selbst. „Die meisten Geldmarktgeschäfte werden quasi per Handschlag vereinbart“, erläutert Thomas Meissner, Zinsanalyst der DZ Bank. „Es gibt bislang keine zentrale Clearing-Stelle, die diese Transaktionen erfassen könnte.“

Lloyds-Chef Antonio Horta-Osorio betonte allerdings abermals, dass die Bank operativ auf Kurs sei und die für das laufende Jahr gesetzten Ziele erreichen werde. Diese hatte er allerdings im Februar bereits sehr niedrig angesetzt. So stimmte der Manager die Märkte bereits bei der Vorlage der 2011er-Zahlen auf sinkende Erträge und Margen im laufenden Jahr ein. Zudem verschob Horta-Osorio die mittelfristigen Renditeziele auf die Zeit nach 2014. Die Bank trennt sich wegen der vom Staat erhaltenen Hilfen und der Finanzkrise von zahlreichen Geschäften und Sparten, so dass die Erträge zurückgehen.

Beim Abbau der nicht mehr als Kerngeschäft identifizierten Sparten kommt er besser voran als gedacht. Daher werden die Abschreibungen im laufenden Jahr geringer ausfallen als bislang befürchtet. Der Wert dieser Geschäfte soll bis Ende 2014 unter die Marke von 70 Milliarden Pfund sinken. Im ersten Halbjahr sei das Volumen um 23 Milliarden auf 118 Milliarden Pfund gesunken. Die angeschlagene Bank konnte deshalb die Risikovorsorge im ersten Halbjahr bereits deutlich zurückfahren. Zudem sanken die Kosten. Damit konnte Lloyds die niedrigeren Erträge ausgleichen und verdiente operativ etwas mehr als im ersten Halbjahr 2011.

  • rtr
  • dpa
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