Mikrokredite Wenn die Helfer zu Wucherern werden

Einst feierte die Welt Mikrokredite als Allheilmittel gegen die Armut. Doch der Boom lockte auch schwarze Schafe an. Mit Wucherzinsen nehmen sie die ohnehin finanziell gebeutelte Kundschaft aus. Die Branche hätte Reformen bitter nötig.
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Mikrokredite werden für viele Arme zur Belastung. Quelle: ap

Mikrokredite werden für viele Arme zur Belastung.

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NEU DELHI/FRANKFURT. Tue Gutes und verdiene damit Geld. Vikram Akula galt als Paradebeispiel dafür, dass dies kein Widerspruch sein muss. Als der Inder im August das von ihm gegründete Mikrokreditinstitut SKS an die Börse brachte, griff die Elite der Finanzinvestoren einschließlich George Soros zu. 350 Mio. Dollar brachte die Aktienemission. Akula ließ sich feiern als Visionär, der mit dem Geld der Kapitalmärkte Kleinstkredite für die Armen in Indien finanziert.

Drei Monate später steht SKS im Zentrum der Kritik: Vor der Zentrale im südindischen Hyderabad hängt heute ein Netz, das die gläserne Fassade vor wütenden Steinewerfern schützt. Kleinere Geschäftsstellen auf dem Land haben aus Furcht vor Angriffen das Firmenschild abmontiert. Die einst gefeierten Helfer der Armen sind zum Ziel öffentlichen Aufruhrs geworden. Mit Wucherzinsen und zügelloser Kreditvergabe, so der Vorwurf indischer Politiker und Verbraucherschützer, habe die Branche Millionen Menschen in die Schuldenfalle getrieben. Im Bundesstaat Andhra Pradesh, der Hochburg des Geschäfts mit Minidarlehen, soll die Angst vor den Geldeintreibern mehr als 30 Schuldner in den Selbstmord getrieben haben.

Ein bis vor kurzem hochgelobtes System steckt in der Krise. Die Kritik richtet sich gegen viele Mikrobanken. SKS ist nur das prominenteste Beispiel für die Probleme einer Idee, die in den Neunzigerjahren als Domäne von Non-Profit-Organisationen begann. Kredite für die Armen, damit diese sich ein kleines Geschäft aufbauen und von dessen Erlösen leben können - das Konzept galt als eine Art Allheilmittel der Entwicklungshilfe. Es brachte seinem Erfinder, dem Wirtschaftswissenschaftler Muhammad Yunus 2006 den Friedensnobelpreis ein.

Problematischer Renditehunger

Heute bestreitet nicht einmal Yunus, dass die Branche Probleme hat. "Gewisse Leute versuchen, mit Mikrokrediten Geld zu verdienen", kritisiert er (siehe Interview). Auch die Förderbank KfW, einer der wichtigsten Financiers der Szene, redet Klartext. "Der Hype hat überzogene Erwartungen geweckt. Mit Mikrokrediten kann man nicht alle Probleme der Welt lösen", sagt der zuständige KfW-Vorstand Norbert Kloppenburg dem Handelsblatt. "Ebenso schädlich war, dass die Mikrofinanzierung zum Teil als neue Assetklasse betrachtet wurde, mit der man extrem hohe Renditen erwirtschaften kann."

In der Tat haben sich die Kleinstkredite für gut geführte Institute als glänzendes Geschäft erwiesen. Indiens größter Mikrofinanzierer SKS warb bei seinem Börsengang mit einer Eigenkapitalrendite von 40 Prozent. Das lockte Nachahmer an. In Andhra Pradesh etwa wetteifern Dutzende Anbieter um Kunden. "Dort ist der Wettbewerb unter den Mikrofinanzierern sicher nicht mehr hilfreich", sagt Kloppenburg. Von einer Blase will er aber nicht sprechen. "In vielen Regionen der Welt gibt es noch heute keine ausreichende Versorgung."

Doch in einigen Ländern Osteuropas oder eben in Andhra Pradesh spricht auch die KfW von einer "Überversorgung" mit all ihren Schattenseiten. Dort lassen die Institute jede Vorsicht vermissen: Es ist keine Seltenheit, dass Schuldner bis zu acht Darlehen verschiedener Mikrofinanzinstitute haben, obwohl sie keine Sicherheiten bieten können.

Eine Weile ging das gut, auch in Indien. Neue Kredite lösten die alten ab. Nun aber schnappt die Schuldenfalle immer häufiger zu. Die hohen Zinsen verschärfen das Problem. Die indischen Mikrobanken beschaffen sich Geld meist bei Geschäftsbanken für bis zu 15 Prozent Zinsen. An ihre Kunden verleihen sie es im Durchschnitt zu 30 Prozent. Das ist zwar viel weniger, als die berüchtigten Geldverleiher fordern. Aber die teuersten Anbieter, wie etwa Basix, verlangen dann doch bis zu 60 Prozent.

Die Branche verteidigt das, indem sie auf hohe Verwaltungskosten für die vielen Kleinstdarlehen hinweist. Dem widerspricht aber Sanjay Sinha von der Mikrokredit-Ratingagentur MCRIL. Die Zinsen könnten viel niedriger sein, sagt er. Aber die Institute wollten attraktiv für renditeorientierte Finanzinvestoren sein. Der Bundesstaat Andhra Pradesh hat nun eine Höchstgrenze für die Zinsen verhängt, zum Entsetzen der Branche. Staatliche Eingriffe gefährdeten die Stabilität der Mikro-Banken, heißt es. Schon häufen sich die Fälle, in denen Schuldner gar nicht mehr zahlen - in der Hoffnung, die Regierung könnte noch einen Schuldenerlass erzwingen.

Indiens Geschäftsbanken fürchten eine Schieflage der Mikrobanken und drehen ihnen den Geldhahn zu. Basix-Chef Sajeev Vishwanathan warnt vor einem Flächenbrand: "Wenn die Refinanzierung ausbleibt, dann entsteht ein systemisches Risiko für den gesamten Mikrofinanzsektor."

Fehlende Aufsicht

Trotz allem bleibt die KfW ein Fan der Mikro-Banken. Weltweit gebe es mehr als 1 000 Institute, ein paar schwarze Schafe ließen sich da nicht vermeiden, sagt Kloppenburg. Es sei unfair, die gesamte Bewegung unter Generalverdacht zu stellen. Reformen sind aber schon nötig. "Ab einer gewissen Größenordnung werden Verhaltenskodizes, Transparenz und Aufsicht unerlässlich", sagt er.

Die KfW fördert daher den Aufbau schufa-ähnlicher Zentralregister. "Das soll verhindern, dass sich jemand bei zehn verschiedenen Instituten zehn Kredite holen kann", erklärt Kloppenburg. Auch eine Aufsicht sei sinnvoll: "Eine Institution, die ordentlich reguliert wird, kann auch Spareinlagen einsammeln." Das sei schon deshalb wichtig, weil die Mikrobanken oft die einzige Möglichkeit für viele Menschen sei, ihr Geld einigermaßen sicher auf ein Sparbuch zu bringen

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