Milliardeninvestitionen
Versicherer entdecken die Energiewende

Im stetigen Streit um die Energiewende kommen neue Teilnehmer ins Spiel: Deutsche Versicherer. Sie könnten Milliarden in Strom- und Gasnetze investieren. Ein üppiges Geschäft, denn die Regierung garantiert enorme Zinsen.
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München/BerlinDer Stromnetzbetreiber Tennet hat ein Problem: Er muss 15 Milliarden Euro in sein deutsches Netz investieren - und schafft es nicht. Ihm fehlt die finanzielle Potenz. 15 Milliarden sind dagegen für die Allianz, Europas größten Versicherungskonzern, und den weltgrößten Rückversicherer Munich Re keine große Sache.

Und da die Regierung für Investitionen in Netze hohe Renditen garantiert, haben beide nach Informationen des Handelsblatts aus Verhandlungskreisen grundsätzlich Interesse an Übernahme und Ausbau des Tennet-Netzes bekundet.

Die Bundesregierung ist darüber sehr erfreut, denn in Berlin wächst die Unzufriedenheit mit Tennet. Das Unternehmen mit niederländischer Mutter räumt offen ein, mit der Finanzierung der Netzanbindung für die Offshore-Windparks in der Nordsee überfordert zu sein. Doch ohne die Windparks auf hoher See kann die Energiewende nicht gelingen.

Dort soll bis 2020 eine Kapazität von 10.000 Megawatt entstehen. Das entspricht einer installierten Leistung von zehn Kernkraftwerken. Das letzte AKW soll bereits 2022 vom Netz. Die Probleme von Tennet sind daher für die Regierung gefährlich, und so drängt sie Tennet, sein deutsches Netz zu verkaufen.

Energiewende

Investitionen deutscher Stromversorger in die Netzinfrastruktur

in Mrd. €


Längst arbeitet das Wirtschaftsministerium an einem Plan B. In diesem Plan kommt Tennet nicht mehr vor. Munich Re und Allianz dagegen schon. Und sie müssen nicht lange gebeten werden. Beide hätten bereits im Ministerium vorgefühlt, heißt es in Verhandlungskreisen. Offiziell bestätigen Munich Re und Allianz das nicht.

Bei Munich Re hieß es, man kommentiere Spekulationen um Tennet nicht, der Konzern könne sich aber "ganz generell" weitere Investitionen in die Infrastruktur gut vorstellen. Munich Re ist bereits an Amprion, einem der drei weiteren deutschen Übertragungsnetzbetreiber, beteiligt. Bei der Allianz hieß es kürzlich, das Stromnetzgeschäft sei "grundsätzlich ein ideales Investment".

Strom- und Gasnetze sind für institutionelle Anleger äußerst interessant: Für Neuinvestitionen in Netze hat die Bundesnetzagentur eine Eigenkapitalverzinsung von 9,05 Prozent festgelegt, um Investoren anzulocken. In Zeiten, in denen zehnjährige Bundesanleihen nur noch wenig mehr als ein Prozent Rendite abwerfen, ist das sehr lukrativ.

Probleme bereiten Investoren noch ungeklärte Haftungsfragen: Wer trägt etwa das Risiko, wenn die Netzanbindung eines Offshore-Windparks nicht rechtzeitig steht, der Park aber schon produziert? Die Regierung arbeitet deshalb unter Hochdruck an Haftungsregeln. Ein Teil der Risiken soll sozialisiert werden, bezahlen müssen also die Stromkunden. Damit wäre der Einstieg in das Geschäft für Allianz oder Munich Re noch attraktiver.

Axel Höpner
Axel Höpner
Handelsblatt / Büroleiter München
Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent

Kommentare zu " Milliardeninvestitionen: Versicherer entdecken die Energiewende"

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  • Das ist nicht nur ein Thema für Versicherungen. Das kann auch ein Thema für Fonds sein. Privatanleger können bei Bundespapieren aufgrund der Geldpolitik der EZB keine Zinsen für ihr erspartes erwirtschaften und so wäre es ein netter Gegenzug der Bundesregierung, wenn die Sparer ihr erspartes einer volkswirtschaftlich nützlichen und politisch gewollten Investition zuführen könnten.

    Wichtig ist in dem Zusammenhang, dass diese Gelder zweckgebunden, projektbezogen sein müssen.

    Es wäre allemal sinnvoller als auf Griechenanleihen 70 % Abschreibung hinnehmen zu müssen, während hier die Energiewende aus Kapitalgründen kippen könnte.

  • Üblicherweise fängt man Mäuse mit Speck. Den Netzbetreibern werden 9% Zinsen garantiert. Das hat den Versicherern den Verstand geraubt.

    Die Stromnetze sind auf eine verbrauchernahe Stromerzeugung in modernen Grosskraftwerken ausgelegt und für diesen Zweck in einem hervorragenden Zustand.

    Aktuell beabsichtigt man die Stromerzeugung nach ökoreligiösen Kriterien zu organisieren. Dadurch ergeben sich für einen Netzbetreiber grosse, vielleicht unüberwindbare Herausforderungen. Die Stromeinspeisung von Windmühlen und Solarzellen erfolgt gem. den Launen des Wetters weder am Ort noch zum Zeitpunkt des Bedarfs. Die Netze müssen für diese Stromerzeuger mehrfach überdimensioniert werden. Es erfordert Regelkraftwerke die mangels zu erwartnder Erträge niemand baut. Bislang haben die Turbogeneratoren mit ihren rotativen Massen und Dampfreserven die kurzfristige Netzstabilisierung übernommen. "Erneuerbare" Energien, z.B. Solarzellen haben keine rotativen Massen. Eine kurzfristige Netzstabilisierung ist notwendig.

    Insgesamt hatten die Versorger wie EON sehr gute Gründe ihre Netze zu verkaufen. Der Erwerb eines Stromnetzs in einer auf religiösen Kriterien basierenden Stromversorgung ist als Invstitionsobjekt so gut wie Griechische Staatsanleihen.

    Vandale

  • @ RGS55
    Ich stimme Ihnen zu. Wenn Kosten sozialisiert werden können, dann sollte dies auch auf der Erlös- bzw. Investitions- und Beteiligungsseite möglich sein. Ein Fond ist hier eine Möglichkeit. Nun ist die Frage welcher Fond ein geschlossener oder offener Fond? Bei einem geschlossenen Fond muss innerhalb eines bestimmten Platzierungszeitraums investiert werden. Der Anteilseigner partizipiert an den Chancen und Risiken und kann sein Geld bei dieser Anlageform nicht aus dem Fond "abziehen." Darüber hinaus muss man sich darauf verlassen, dass das Unternehmen bzw. das "Geschäftsführung" auch das Richtige tut. Man bedenke auch, dass das Kapital von 15 Mrd. € auch erst einmal aufgebracht werden muss. Bei einem offenen Fond kann ich das Geld wieder "abziehen" aber auch "einzahlen." Das Problem ist dann, dass das gesamte eingelegte Kapital schwankt, so dass ein Basiskorridor immer vom Fondmanager eingehalten werden sollte um in Projekte Geld anzulegen. Das Risiko ist hier sicherlich geringer.
    Wie gesagt, grundsätzlich haben Sie recht. Eine Beteiligung der Bürger sollte möglich sein. Vielleicht planen die Versicherer ja in diese Richtung etwas ein.

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