Milliardenlöcher: Kassen fürchten Massenflucht zu den Privaten

Milliardenlöcher
Kassen fürchten Massenflucht zu den Privaten

Den gesetzlichen Krankenkassen (GKV) drohen aufgrund der Gesundheitsreform neue Milliardenlöcher. Wegen des wieder einfacheren Zugangs zur privaten Krankenversicherung (PKV) rechnet Branchenführer Barmer GEK in den nächsten drei Jahren mit Einnahmeverlusten von 1,1 Mrd. Euro in der GKV.
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DÜSSELDORF. Der neue Sozialausgleich könnte bis 2014 eine Lücke von zehn Mrd. Euro reißen, wenn die Zusatzbeiträge von derzeit acht bis auf 50 Euro stiegen. "Wegen neuer Bürokratie, fehlender Staatszuschüsse und der Bevorzugung der privaten Krankenversicherer bleiben die Finanzprobleme der Krankenkassen ein Dauerthema", folgerte die Barmer-GEK-Vorstandsvorsitzende Birgit Fischer gegenüber dem Handelsblatt. "Die Regierung gefährdet mit ihren gesundheitspolitischen Änderungen ein funktionierendes System."

Fischer rechnet damit, dass im kommenden Jahr rund 85 000 junge und gutverdienende Kassenmitglieder wechseln, die im Jahr jeweils einen Deckungsbeitrag von 6000 Euro liefern. Die Kassen würde dies allein dauerhaft mit rund 500 Mio. Euro belasten. Ab 2012 rechnet sie mit 50 000 Wechseln jährlich. In den vergangenen Jahren war diese Wachstumsquelle für die PKV weggefallen, weil es eine Wartezeit von drei Jahren gab.

Die Chefin von 8,5 Millionen Versicherten sieht sich auch durch den geplanten Sozialausgleich eingeengt. Dieser soll einkommensschwache Kassenmitglieder entlasten. Schon ab einem Zusatzbeitrag von über 40 Euro werde aber nur das obere Drittel der 50 Mio. Kassenmitglieder die Last schultern, was für diese den Anreiz zum Wechseln erhöhe. In den kommenden Jahren wird der Zusatzbeitrag per Gesetz zur einzigen Möglichkeit für die Kassen, Finanzlöcher zu stopfen.

Als "Bürokratie pur" bewertet sie die neuen Regeln zu Zusatzbeitrag und Sozialausgleich. Dafür bräuchten die Kassen dauerhaft 450 Mitarbeiter zusätzlich. Manche Vorschrift hält sie für daten- und verfassungsrechtlich "hochbedenklich". So könnten die Krankenkassen künftig gezwungen sein, Mitglieder immer wieder bei ihren Arbeitgebern anzuschwärzen, wenn diese den Zusatzbeitrag nicht zahlten.

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  • Nur mal ein paar Wahrheiten zu den Mythen in der Gesundheitspolitik (2010 veröffentlicht von der bertelsmann-Stiftung):
    behauptung: Die behandlungskosten explodieren! Richtig ist: Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung liegen seit 10 Jahren bei etwa 6,5 %.
    Alle Ausgaben (auch private) für Gesundheit liegen seit 10 Jahren bei etwa 10,4 % des bruttoinlandsprodukts (biP). Unabhängig davon, dass die Lobbyisten wie Pharmaindustrie und Ärzteverbände es immer geschafft haben, ihre Pfründe zu erhalten, ist es primär ein Einnahmeproblem, das bei den Krankenkassen vorherrscht, insbesondere, weil Arbeitslosigkeit und geringe Lohnsteigerungen zwar Einnahmeverluste schaffen, die behandlungskosten aber die gleichen bleiben.

    behauptung: Die Verwaltungskosten der gesetzlichen Krankenkassen werden immer höher ("gläserne Paläste")!
    Richtig ist: Die Verwaltungskosten der Krankenkassen liegen seit Jahrzehnten zwischen 5 und 6 % der Leistungsausgaben und steigen weniger als die inflationsrate (trotz ständig steigender Anforderungen des Gesetzgebers). Die privaten Krankenversicherungsunternehmen gaben im Jahr 2009 für Verwaltungs- und Abschlusskosten 14,9 % aus! Das nur zu dem Thema, dass die Krankenkassen abgeschafft gehören.
    Richtig ist übrigens, dass sich die Zahl der Ärzte, die sich schließlich den "Kuchen teilen müssen" seit 2008 um 4.785 oder 1,5 Prozent erhöht hat bei annähernd gleicher bevölkerungszahl (seit 1991 Zuwachs an Ärzten um 30 Prozent).


  • ²Die GKV funktioniert offensichtlich nicht, denn sonst hätte sie nicht das dicke Minus.²

    Falsche Schlußfolgerung.

    1. Die GKV funktioniert, aber wenn durch anhaltende
    hohe Arbeitslosigkeit und stagnierende und/oder sinkende Lohnentwicklung Milliarden von Einnahmen fehlen, bekomt JEDES System Probleme. Der Anteil der GKV-Ausgaben am biP ist seit Jahrzenten praktisch nicht gestiegen. Von betrug und Korruption wollen wir mal nicht sprechen, das ist erst mal systemunabhängig, aber im privaten wohl schlimmer.

    2. Die PKV ist per se das teuerste Sytsem das es gibt. Wer ein reines PKV-System will, schaue sich also die USA an, dort haben ca. 40 Mio (die Zahl habe ich vor einige Monate gelesen) keine Krankenversicherung-schöne neue Welt.

    3. Wer hier nach Abschaffung der GKV, womöglich noch in Verbindung mit Leistungen nach dem SGb, schreit, der imaginiere sich mal im Stillen eine etwas längere Phase der Arbeitslosigkeit (ein paar Monate dürften reichen), bei Existenz von Frau und 1-2 Kindern, die alle in der PKV sind und deren beiträge vom gegenwärtig noch gut verdienenden Alleinverdiener bezahlt werden.

    Na, wer gibt zu, dass er da froh ist, dass es das Sozialsystem gibt?




    PKV ?
    ich bin in der PKV. ich habe mal mit knapp 50 DM angefangen und zahle jetzt über 280 € für 45 % Erstattungsanteil (nur für mich allein). Meine Frau zahlt weit über 300 € mit gleichem Erstattungsanteil wie ich. Und jedes Jahr kommt eine Erhöhung.
    Daß die ärztliche Versorgung soviel besser ist als bei der GKV ?
    Klar, man ist ein gerngesehener "Gast", der häufig einbestellt wird. Und man kann noch die Untersuchung machen und auch noch die und noch den Rat eines Fachkollegen in Anspruch nehmen, der dann doch bestätigt, das die angefangene behandlung optimal sei.

    Es gibt keine Zweiklassenmedizin, es gibt mindestens eine Dreiklassenmedizin. in der dritten Klasse sind die, die sich die "richtigen" Ärzte leisten können.

    Eine richtige Reform der Krankenversicherung - darauf werden wir wohl noch lange warten.

    Dem Kommentar von AJ kann ich nur zustimmen.

    Für mich sähe sie so aus, daß eine allgemeine Versicherungspflicht für eine Grundversorgung besteht, die dann jeder für sich auf seine bedürfnisse aufstocken könnte.

  • Handelsblatt des gleichen Tages: Steuerfahnder streunen wie wilde Hunde durch Europa!
    Was das mit privaten und gesetzlichen Krankenkassen zu tun haben könnte? Nun gut: 1. Dieser Artikel führt uns sachte auf die Problematik des kommenden Jahres zu. Dort wird sicher mittels rezessionaler Mindereinnahmen von Krankenkassen schlicht und flugs vorweg für Mehreinnahmen gesorgt. Merkt ja keiner!
    2. Die Gleichschaltung der Kranken- UND ALTENVERSORGUNG wird unsser aller Problem der kommenden JAHRZEHNTE. Damit dies funktioniert wird man um eine statistisch meßbare Verringerung der Lebenserwartung nicht herumkommen. Alles klar?
    3. Das Unwesen von Krankenkassen und deren Spitzenverband ist und bleibt ein unkontrollierter Markt. Eine Finanzkontrolle findet in diesem Land unerklärlicherweise nicht statt.
    4. Gesetzt den Fall, dass endlich mindestens 12 Krankenkassen aufgelöst gehören (neben den geheimen 5, die jetzt schon pleite sind, aber durch die FAMiLiE gedeckt werden) würden in Deutschland nichts ändern. Aber auch gar nichts.
    6. Die einzige Lösung des Problems ist eine MiNDERUNG der beitragshöhe und das vor den zu erwartenden Verminderungen der Einkommen weiter bevölkerungskreise im kommenden Jahr.
    Gegenstimmen?

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