Mo, 15.09.2008, 12:50
Experte: „Europäische Banken sind die Gewinner der Krise“

Die europäischen Banken sind nach Einschätzung eines Experten die Gewinner des jüngsten Debakels in der US-Finanzwelt.
  • 0

Mo, 15.09.2008, 12:50Die europäischen Banken sind nach Einschätzung eines Experten die Gewinner des jüngsten Debakels in der US-Finanzwelt. «Die europäischen Institute werden erstarken - auch die Deutsche Bank», sagte Martin Faust, Professor an der Frankfurt School of Finance, am Montag der Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX. Die Karten würden derzeit neu gemischt. «Die US-Banken sind geschwächt, sie werden in nächster Zeit eine geringere Rolle in der Welt spielen.»

Die Wall Street hatte am Montagmorgen einen dramatischen Umbruch erlebt. Die viertgrößte US-Investmentbank Lehman Brothers meldete Gläubigerschutz an. Der Staat und andere Kreditinstitute hatten erstmals bei einem solch großen Unternehmen Hilfen abgelehnt. Zur gleichen Zeit wurde die Investmentbank Merrill Lynch von der Bank of America aufgekauft.

«Lehman ist pleite», urteilte Faust. «Der Name ist ruiniert.» Der Vertrauensverlust sei so groß, dass er eine erfolgreiche Sanierung ausschließe. «Wie schlimm es steht, zeigt ja schon, dass kein anderes Institut zugreifen wollte.» Auch für die Vermögensverwaltungs-Töchter sieht er keine großen Chancen, auch wenn sie ausdrücklich vom Insolvenzverfahren ausgenommen sind: «Die Gelder sind zwar separat gelagert. Doch man muss sich fragen, ob die Kunden mit einer solchen Bank weiter zusammenarbeiten wollen.»

Die Folgen eines Zusammenbruchs für die Realwirtschaft sieht Faust erst einmal als gering an, fehlt der Investmentbank doch im Gegensatz zur Universalbank das klassische Einlagen- und Kreditgeschäft. «Wenn ich etwa eine Übernahme stemmen will, gehe ich halt zur nächsten Bank», sagte Faust. Allerdings, so relativierte er, würde deren Kreditspielraum weiter begrenzt: «Es ist insgesamt weniger Geld im Markt.»

Dass der Staat anders als im März beim direkten Lehman- Konkurrenten Bear Stearns oder den Kreditversicherern Fannie Mae und Freddie Mac nicht mit Hilfen eingesprungen ist, begrüßte Faust grundsätzlich: «Die US-Regierung hat verstanden, dass die Krise so groß ist, dass es nicht mehr ausreicht, einzelne Banken zu retten.» Er erwartet, dass stattdessen die US-Notenbank Federal Reserve massiv Geld in das Finanzsystem pumpt, etwa durch den Ankauf auch von risikoreicheren Wertpapieren. Die Liquidität komme dann den verbliebenen starken Spielern zugute. «Gerade findet die notwendige Bereinigung der Branche statt. Mit der Stützung einzelner Unternehmen hat die Regierung dies bislang verhindert.»

Den Kauf der angeschlagenen Investmentbank Merrill Lynch auf dem bisherigen Höhepunkt der Finanzkrise durch die Bank of America nannte Faust «recht risikoreich». 50 Milliarden Dollar - auch in form von Aktien - sei ein «stolzer Preis» angesichts unkalkulierbarer Risiken aus früheren Geschäften und einer sich abschwächenden Konjunktur. Andererseits stehe Merrill Lynch deutlich besser da als Lehman Brothers.

Als besonders hart getroffen von der Lehman-Pleite vermutet Faust die Citigroup, wo nach Medienberichten die meisten Verbindlichkeiten von Lehman Brothers liegen. Ungeschoren sieht er auch Europas Banken nicht davonkommen. «Wir werden in den kommenden Quartalen noch hohe Abschreibungen sehen.» Nicht ohne Grund sei die Deutsche Bank nur mit knapp 30 Prozent bei der Postbank eingestiegen: «Sie weiß ja nicht, wofür sie ihr Geld noch braucht.»

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Mo, 15.09.2008, 12:50: Experte: „Europäische Banken sind die Gewinner der Krise“ "

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%