Mordfall Jakob von Metzler
Die verdrehte Frage nach der Schuld

Vor zehn Jahren wurde Jakob von Metzler entführt. Die Polizei drohte dem Täter mit Folter, um den Bankier-Sohn zu retten – und machte sich schuldig. Nun widmet sich ein Film der wirren Wahrnehmung von Täter und Opfer.
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DüsseldorfWer ist das Opfer, wer der Täter? Manchmal gerät die Antwort auf eine eigentlich einfach zu beantwortende Frage durcheinander. Denn bei spektakulären Kriminalfällen rücken oft die Täter in den Fokus der Aufmerksamkeit. Die Opfer und ihre Familien werden an den Rand gedrängt, ihr Leid übersehen.

Das war auch bei der Entführung des Bankier-Sohns Jakob von Metzler durch den Jurastudenten Magnus Gäfgen vor zehn Jahren so. Doch damals drängte nicht allein die Faszination an der abgrundtiefen Bösartigkeit des Täters in den Brennpunkt. Das Frankfurter Entführungsdrama hatte noch eine andere Qualität. Die Polizei drohte Gäfgen Folter an, sollte der nicht verraten, wo er Jakob versteckt hält. Eine lange Diskussion über die Rechte der Staatsgewalt in Notsituationen schloss sich an.

Für den Vater des Kindes, Friedrich von Metzler, muss die Welt dennoch Kopf gestanden haben. Recht und Gerechtigkeit schienen durcheinandergeraten. Der Privatbankier, der als freundlich, offen und gutherzig gilt, leidet noch heute. Wenn Metzler über seinen Sohn spricht, kommen ihm immer noch die Tränen. In der Öffentlichkeit hat der Leiter einer der ältesten Privatbanken Deutschlands nie über die Ereignisse im Herbst 2002 gesprochen.

Ausgerechnet ein Film über die Entführung und den Tod seines Sohnes rückt nun für von Metzler die Verhältnisse wieder zurecht. Das ZDF hat das Verbrechen in einem halb-dokumentarischen Spielfilm aufgearbeitet. Im Zentrum steht dabei nicht der Kidnapper Gäfgen, sondern der damalige Frankfurter Polizeipräsident Wolfgang Daschner.

Der wurde zu einer tragischen Helden-Figur. Im Herbst 2002 entführte Magnus Gäfgen von Metzlers Sohn und forderte eine Million Euro Lösegeld von den Eltern – der Jurastudent wollte so seinen aufwendigen Lebensstil finanzieren. Nach der Geldübergabe beschattete die Frankfurter Polizei Gäfgen in der Hoffnung, dass er den Weg zu dem Kind weist - den elfjährigen Jakob hatte er aber bereits kurz nach der Entführung erstickt.

Als sich Gäfgen ins Ausland davonstehlen wollte, griffen die Ermittler zu. Dann begannen die verhängnisvollen Verwirrungen, welche die klaren Seiten von Opfer und Täter, Recht und Gerechtigkeit durcheinanderwirbelte. Im Glauben, Jakob sei noch am Leben und in größter Gefahr, wies Polizeipräsident Daschner einen Ermittler an, dem Entführer mit Gewalt zu drohen.

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Für Metzler muss Daschner ein Held gewesen sein

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  • Ich finde es sehr schade, dass dieser konkrete Fall z.T. gegenseitig beleidigend kommentiert wird. Noch schlimmer ist es, dass in (zu) vielen Kommentaren zu sehr verallgemeinert wird und Vergleiche mit dem Unrechtsregime des 3. Reiches gezogen werden.

    Daschner hatte im Fall Jakob von Metzler recht, auch wenn das Gericht dies schlussendlich anders sah! Jedoch, wie hätte anders entscheiden werden können in einem Land, mit der Vergangenheit und unter dem nationalen und internationalen medialen Druck? Justizia hatte keine Chance, den Fall anders zu beurteilen. Leider!

  • ..Meinen Sie, dass Sie das Recht besitzen soetwas zu bestimmen? ... Wofür halten Sie sich?

    (...)

    Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Ich glaube, daß hier nur die Wenigsten die unrechtmäßige Handlung Daschners in Frage stellt. Die Emotionen kochen ja deswegen so hoch, weil dieses Handeln , jenseits juristischer Überlegungen, moralisch akzeptabel ist. Und selbstverständlich jeder bei Involvierung eigener Familienmitglieder "mindestens" genauso gehandelt hätte.
    Nun gut, dafür wurde Recht gesprochen und Daschner verurteilt, anders wäre es meiner Meinung auch garnicht denkbar gewesen.Mitleid mit Daschner ist hier fehl am Platz, eine gewisse Art der Bewunderung schon. Er hat weder versucht, seine Vorgehensweise zu verschleiern noch die Verantwortung auf Dritte abgeschoben. Dieses Herumoperieren an der gültigen Rechtsstaatlichkeit ist nicht denkbar.
    Ein Mann in seiner Position muss sich im Klaren sein, schwierigste Entscheidungen verantworten zu müssen. Das hat er auch getan, mein Respekt.

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